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Werner Boote, AT

Regisseur "Plastic Planet"

Interview: Christina Weidinger

1999 entstand die Idee zum Projekt Plastic Planet. Haben Sie mit dem großen Interesse gerechnet oder waren Sie selbst überrascht, wie gut der Film ankam? 

Wenn man einen Film macht, hofft man, dass er auch gesehen wird. Aber dass er solche Wellen schlägt, hätte ich mir nie gedacht. Familien in Deutschland, Italien und Österreich haben plötzlich begonnen, ihr Leben umzustellen und plastikfrei zu leben – und das nur wegen des Films! Ich wurde plötzlich eingeladen, Gesetze in Deutschland auszuarbeiten, wurde nach Brüssel oder zu Klimakonferenzen in Cancún eingeladen. An solche Größenordnungen denkt man zunächst ja nicht. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass wegen des Films Produkte plötzlich vom Markt genommen werden oder gar neue Produkte auf den Markt kommen. Das hat mich schon überwältigt. Andererseits ist es noch immer zu wenig: Es sind zwar ein paar Dinge verboten worden, aber bei vielen Produkten, vor allem bei Kinderspielzeug, ist die Situation nach wie vor katastrophal. Da muss noch sehr, sehr viel geschehen.

Was waren für Sie persönlich die größten Herausforderungen?

Die Konsequenzen dessen, was man gesehen und gelernt hat, zu verarbeiten! Zum Beispiel in einem Supermarkt zu stehen und zu beobachten, wie die Menschen alle möglichen Plastikgegenstände kaufen, von denen man selbst aufgrund durchgeführter Tests teilweise definitiv weiß, dass sie im Verdacht stehen, krebserregend zu sein, unfruchtbar zu machen oder Herzerkrankungen beziehungsweise Allergien hervorzurufen. Da war eigentlich die Herausforderung, zu sagen: Wie gibt es das und wieso machen die Menschen das? Wie kann man jetzt mitteilen, dass das so ist, wie es ist? Deswegen wollte ich den Film machen, um das mitzuteilen. Das schlimmste war in Japan, da wussten wir schon relativ viel, da wir bereits sehr viele Produkte getestet hatten. Dann waren wir in einem Hypermarkt. Da fühlt man sich schon ziemlich alleine auf weiter Flur, ganz nach dem Motto: „Leute, wisst ihr nicht, was wir jetzt schon alles gehört haben?“ Ich habe dann mein Blut auf seinen Plastikgehalt hin testen lassen.

Und wie viel Plastik hatten Sie im Blut?

Irrsinnig viel. Und dann dachten wir: Vielleicht bin es ja nur ich, sozusagen aufgrund der Familiengene, aber jeder im Team hatte alle erdenklichen Kunststoffe im Blut. Tatsache ist, dass jeder alle möglichen Stoffe, die von Kunststoffen austreten, im Blut hat. Und das war einer der heftigsten Momente während des ganzen Drehs. Denn man hofft ja, dass das nicht so ist. Man denkt, die Industrie passt immer so gut auf uns auf, die geben uns nur gute Produkte. Demgegenüber standen weltweit renommierte Wissenschaftler, die erklärten, dass dabei Zusatzstoffe, sogenannte Additive, austreten; Stoffe, die Gehirnzellen abtöten, Herzerkrankungen hervorrufen etc. Wir wollten wissen, ob das stimmt und ließen das erste Produkt chemisch analysieren. Das Ergebnis war schockierend.

Worauf ließen Sie es analysieren?

Hauptsächlich auf Weichmacher, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Dann dachte ich: Vielleicht hatte ich Pech mit diesem Produkt. Deshalb haben wir alle möglichen anderen Produkte getestet, aber bei jedem weiteren Produkt kamen wieder andere Horrormeldungen. Und dann fragt man sich schon, was da vorgeht. Wo bleibt die Kontrolle? Wie arbeiten diese Unternehmen eigentlich? Und wieso wird nichts dagegen unternommen?

Wie haben Sie persönlich es geschafft, „kunststofffrei“ zu leben?

Ich habe ein Plastikhandy, einen Plastikcomputer und eine Plastikkamera, denn sonst könnte ich keinen Film machen. Aber ich habe meine Konsumgewohnheiten geändert. Ich hatte früher neben dem Computer immer eine Plastikflasche stehen, in die ich Leitungswasser nachgefüllt und dann daraus getrunken habe. Später habe ich eine Studie gelesen, die besagt: Je öfter man Plastikflaschen nachfüllt, desto mehr Zusatzstoffe und besorgniserregende Chemikalien treten aus. Also habe ich die Plastikflasche in eine Glasflasche umgetauscht. Übrigens hat mein Verhalten etwas bewirkt: Eineinhalb Jahre nach dem Film ließ ich mein Blut noch einmal testen. Die Werte waren deutlich besser. Das heißt: Wenn man aufpasst, was man einkauft, profitiert man.

Welche persönlichen Hoffnungen und Ziele verbinden Sie mit dem Film? 

Mir liegt am Herzen, dass Unternehmen den gesamten Kreislauf betrachten – von der Herstellung über den Transport bis zur Entsorgung. Dazu sind umfassende Prüfungen notwendig. Aber auch der Konsument muss seinen Beitrag leisten.

Wir wollen ja mit dem SEA nachhaltig agierende Unternehmen auszeichnen. Wie wichtig ist für Sie unternehmerische Verantwortung?

Das sollte in erster Linie dem Unternehmer selbst wichtig sein. Wenn ich jemanden ernst nehmen kann, dann hilft das dem Unternehmer. In Sachen Kunststoff obliegt es drei Gruppen: Einerseits dem Konsumenten, der bewusster einkauft, andererseits dem Politiker, der durch ein größeres Bewusstsein in Sachen Kunststoff gestärkter ist und in der Diskussion mit der Industrie anders agieren kann. Natürlich muss man aufpassen, dass hier kein reines „green washing“ betrieben wird. Dioxin ist auch 100 Prozent natürlich. Wir müssen davon reden, ob es umweltschonend oder gesundheitsschonend ist.

Welche Unternehmen haben sich im Rahmen Ihrer Recherchen als vorbildlich herauskristallisiert?

Für den Film ging es in erster Linie darum zu zeigen, wo die Graubereiche beziehungsweise die unerfreulichen Sachen liegen. Trotzdem sollten auch positive Aspekte gezeigt werden. Eine der wenigen Firmen, die meiner Meinung nach sehr clever und verantwortungsbewusst agiert, ist Novamont. Allerdings wird auch bei biologisch abbaubaren Kunststoffen sehr viel Schindluder getrieben. Und man muss immer den gesamten Kreislauf betrachten. Ist es wirklich biologisch abbaubarer Kunststoff? Welche Zusatzstoffe sind drinnen? Ist es genmanipulierter Mais, der aus Afrika oder dem Iran hergeschleppt wird, damit die in Österreich biologisch denken dürfen?

Die Aufklärung der Konsumenten ist da wahrscheinlich der wichtigste Aspekt...

...das ist ja auch einer der Gründe, warum ich Plastic Planet gemacht habe. Um aufzuzeigen, was da eigentlich passiert und den Menschen zu sagen: Kümmert euch um das, was um euch herum steht und was ihr in der Hand habt. Wir haben im Film sehr viele Messages verarbeitet. Die wichtigste ist: „Willkommen auf dem Plastikplaneten. Lasst uns für einen besseren Plastikplaneten sorgen!“