SEA Banner

Univ.-Prof. Dipl. Wirt.-Ing. Dr.-Ing. Wilfried Sihn

Geschäftsführer Fraunhofer Austria Research GmbH

Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship (SE)?

Der Grundgedanke von Sustainable Entrepreneurship ist eine zukunftsfähige Unternehmensentwicklung mit der Überzeugung, dass der bleibende Unternehmenserfolg heutzutage nicht mehr nur von der gegenwärtigen Erfolgs- und Finanzkraft abhängt, sondern maßgebend von langfristigen, immateriellen Faktoren, insbesondere den Mitarbeitern, Unternehmensprozessen und -innovationen. Sustainable Entrepreneurship fokussiert neben wirtschaftlichen und technologischen insbesondere ökologische, gesellschaftliche und soziale Dimensionen innerhalb des Unternehmens und seinem Umfeld.

Wie verankert ist das Prinzip der Sustainable Entrepreneurship heute bereits in den Köpfen der Menschen, aber vor allem im Handeln der Unternehmen?

Meiner Erfahrung nach sind das Bewusstsein und die Bereitschaft für nachhaltiges Handeln in den Unternehmen vorhanden. Die wesentliche Herausforderung liegt in der Umsetzung geplanter Ziele, die zumeist unter dem operativen Tagesgeschäft leidet. Häufig steht auch die Festlegung von zu ambitionierten Vorhaben einer tatsächlichen Durchführung im Weg. Andererseits zeigt eine Vielzahl an vorbildhaften realisierten Projekten, dass Unternehmen ihre Pflicht wahrnehmen, vorausschauend und nachhaltig zu agieren.

Welche Branchen sehen Sie als besonders vorbildlich an, wo sehen Sie noch deutlichen Aufholbedarf in Bezug auf Sustainable Entrepreneurship?

Die Automobilbranche ist ein Vorreiter, was die Umsetzung von Produkt- und Prozessinnovationen, den Einsatz von alternativen Energien und die Anwendung ressourcenschonender Technologien zur Reduzierung der Umweltbelastungen betrifft. Aber nicht nur die Fahrzeuge, deren Entwicklung und Produktion selbst, sondern auch Anwenderkonzepte, wie z. B. Carsharing, leisten einen erheblichen Beitrag zur langfristigen Sicherung der Nachhaltigkeit.
Da Nachhaltigkeit eine andauernde Veränderungsfähigkeit des individuellen Unternehmens verlangt, sind alle Betriebe gefordert, kontinuierlich zu handeln.

Ihre Schwerpunkte in Österreich sind Produktions- und Logistikmanagment sowie Visual Computing. Inwieweit können diese Geschäftsbereiche zu einem Ausbau von Sustainable Entrepreneurship beitragen?

Fraunhofer Austria, Geschäftsbereich Produktions- und Logistikmanagement initiiert und leitet eine Vielzahl an unternehmensspezifischen und öffentlichen Forschungsprojekten, die Nachhaltigkeit in Produktion und Logistik sicherstellen. Potenzielle Ergebnisse dieser Projekte sind auszugsweise die Steigerung der Effizienz in der Ressourcennutzung bei gleichbleibender Wertschöpfung, die Erhöhung der Flexibilität und Wandlungsfähigkeit zur Sicherstellung der regionalen, kurz-, mittel- und langfristigen Kundenanforderungen oder die Bereitstellung von interdisziplinären Weiterbildungsprogrammen zur Aus- und Weiterbildung von Personal in produzierenden Betrieben.
Derzeit arbeitet der Fraunhofer Verbund „Produktion“ am Gemeinschaftsprojekt „E³ Fabrik“, in dem eine Fabrik emissionsneutral, energieeffizient und hinsichtlich ergonomischer Aspekte geplant wird.
Das Projekt i-plan (Integrierte Produktions- und Logistikplanung) löste die Aufgabe der synchronen Planung der Produktion und Logistik, um eine langfristige Optimierung des Produktionsprogramms hinsichtlich den Ressourcen Personal und Material zu gewährleisten.
Das Forschungsprojekt LOPEC zielt auf die standardisierte Sicherstellung der Qualität im Bereich Weiterbildung zum Thema Lean Logistik ab. Insbesondere werden Facharbeiter der Produktionsbranche im Prozess des lebenslangen Lernens unterstützt, um ihre Qualifikationsprofil und ihre persönliche Exzellenz zu fördern.
Das jüngste Forschungsprojekt der Fraunhofer Austria zum Thema „Sustainable Surface Transport“ hat zum Ziel, ein innovatives Binnenschiff zu entwickeln, das in Bezug auf Transporteffizienz, Umweltbilanz, Antriebs- und Treibstoffkonzept sowie Energieerzeugung und -verteilung einen neuen Stand der Technik darstellen wird. Zehn europäische Forschungspartner sind am 30 Monate dauernden Projekt beteiligt.

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – wer sollte die treibende Kraft im Prozess rund um Sustainable Entrepreneurship sein?

Die Verantwortung für Sustainable Entrepreneurship trägt ein jeder mit sich. Aber insbesondere hat die öffentliche Hand als Vorbild für Unternehmen und Konsumenten zu wirken. So sollten zum Beispiel im Rahmen öffentlicher Ausschreibungsverfahren neben technischen und wirtschaftlichen Anforderungskriterien zusätzlich die Einhaltung von Sozialstandards und Umweltaspekten Berücksichtigung finden.

Welche Rolle kann bzw. soll die EU, soll Europa, in der Weiterentwicklung von Sustainable Entrepreneurship übernehmen?

Die EU nimmt eine Schlüsselrolle bei der Aktivierung und Verwirklichung nachhaltiger Entwicklungen ein, um Europa auf heutige und zukünftige Herausforderungen vorzubereiten. Dabei muss sich die EU nicht nur der Aufgabe stellen, innerhalb Europas länderspezifische Potentiale zu ergreifen, sondern sie muss global, anstatt europaweit agieren.

Mit dem sea zeichnet der Club of sustainable entrepreneurs – Verein für nachhaltiges Wirtschaften herausragende Projekte im Bereich Sustainable Entrepreneurship aus. Wie beurteilen Sie diese Initiative?

Die Veranstalter und Teilnehmer des sea ermöglichen es jedes Jahr, die Begriffe „Nachhaltigkeit“, „Innovation“ und „Verantwortung“ greifbar und begreifbar zu machen. Die Verleihung des Awards fördert die Wahrnehmung dieser zukunftsweisenden Themen und regt internationale Industriebetriebe und KMU auch an, entsprechend zu handeln. Der Teilnehmermix aus privaten und staatlichen Organisationen schafft die Voraussetzung für eine breite Zusammenarbeit und Kommunikation der Wirkungsbereiche und Ziele des Awards.

Wo sehen Sie die großen Vorteile der Partnerschaft mit sea?

SEA bietet eine zukunftsorientierte, innovative Plattform für den Austausch von Informationen und Erfahrungen zum Thema Zukunftsfähigkeit im unternehmerischen Kontext und dient als Impulsgeber für neue Ideen und nachhaltiges Denken. sea initiiert Kooperationen zur Nutzung von Synergiepotenzialen, die die Einführung von Projekten zur Förderung der Sustainable Entrepreneurship begünstigen.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Welches SE-Projekt ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben, und warum?

Insbesondere ist mir der Gewinner des sea 2012 in der Kategorie „best Idee“ in Erinnerung geblieben. Die innovative Software „RouteRank“ ermöglicht es, den schnellsten und günstigsten Weg von A nach B unter Berücksichtigung verschiedener Verkehrsmittel zu finden. Aus unternehmerischer Sicht betrachtet, bietet eine Erweiterung dieser Lösung erhebliches Potenzial, die außerbetriebliche Logistik (Transportwege bzw. Versorgungs- und Lieferungsrouten) heimischer Unternehmen hinsichtlich ökologischer und kosteneffizienter Gesichtspunkte zu optimieren.

Zur Person:

Univ. Prof. Dr. Ing. DI Prof. eh. Dr. h.c. Wilfried Sihn, Jahrgang 1955, ist seit September 2004 Professor für Betriebstechnik und Systemplanung am Institut für Managementwissenschaften an der TU Wien. Von März 2009 bis Dezember 2010 war er turnusmäßig Vorstand des vorgenannten Institutes. Sihn ist seit mehr als 25 Jahren im Bereich der angewandten Forschung und Beratung tätig und hat an weit mehr als 300 Industrieprojekten mitgewirkt. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich Produktionsmanagement, Unternehmensorganisation, Unternehmenslogistik, Fabrikplanung, Auftragsmanagement, Lifecycle-Management, Instandhaltung, Modellierung, Simulation und Geschäftsprozessoptimierung, sowie Unternehmensstrukturierung und Unternehmenscontrolling. 2008 wurde er zum Geschäftsführer der neu gegründeten Fraunhofer Austria Research GmbH bestellt und ist verantwortlich für den Geschäftsbereich Produktions- und Logistikmanagement in Wien.