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Ron Cambridge, GB

London Metropolitan Universität Kursleiterin und Dozentin in Banking und Finance

Was verstehen Sie persönlich unter Sustainable Entrepreneurship?

In Studien wurde festgestellt, dass zwei Drittel bis drei Viertel der Amerikaner davon träumen, ein Unternehmen zu gründen und ihr eigener Boss zu sein. In der Wirtschaftswelt ist der Begriff „Entrepreneurship“ nichts Neues mehr, denn es hat grundsätzlich zum Ziel, den Bestand von Unternehmen zu sichern und letztendlich geschäftlichen Erfolg zu erreichen. Das ist eigentlich die essentielle Bedeutung von Nachhaltigkeit.  Parallel dazu wird Nachhaltigkeit auch auf alle Aspekte des Unternehmens und aller seiner Beteiligten einschließlich der direkten und indirekten Beteiligten ausgedehnt, so dass alle geschäftlichen Aspekte ganzheitlich betrachtet werden.

Wie fest verankert ist Ihrer Ansicht nach Sustainable Entrepreneurship bereits in den Köpfen der Menschen und vor allem in der Handlungsweise der Unternehmer?

Sustainable Entrepreneurship ist bereits sehr gut im Denken der Menschen verankert, vor allem bei Unternehmern des e-Business, auch wenn dies nicht in besonderem Ausmaß auf diese Gruppe bezogen wird. Entrepreneurs sind ganz selbstverständlich innovativ und kreativ, aktiv und dynamisch und interessiert an Wertschöpfung. Sie sind in ihrem Geschäftsbereich führend, kreieren neue Ideen und Geschäftsprozesse und – wie von Stevenson and Gumpert in der Harvard Business Review (1985) beschrieben – sind fähig, aus nichts etwas zu machen. Für einen echten Entrepreneur geht die Schaffung von Mehrwert über kurzfristige Ziele hinaus, er konzentriert sich dagegen mehr auf bleibende Nachhaltigkeit.

In welchem Ausmaß ist es Ihrer Ansicht nach möglich, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und gleichzeitig Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen?

In Wirklichkeit sind diese beiden Konzepte untrennbar miteinander verbunden. Man kann keinen langfristigen wirtschaftlichen Erfolg haben, ohne einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen.  Für jedes Unternehmen wird es nur durch das Erzielen von Mehrwert für die Gesellschaft, nämlich auch für seine Kunden, seine Mitarbeiter und für das Umfeld, in welchem es tätig ist, möglich sein, nachhaltig wirtschaftlichen Erfolg zu haben. 

Welche Wirtschaftszweige tun Ihrer Meinung nach das Meiste im Sinne von Sustainable Entrepreneurship und welche Branchen müssen in dieser Richtung noch viel tun?

Es ist interessant, festzustellen, dass sich Privatpersonen, Nicht-Regierungsinstitutionen und Organisationen offenbar mehr Gedanken über Werte und die Schaffung von Nachhaltigkeit machen.  Allerdings gibt es auch UK-Regierungsinitiativen, mit denen nachhaltige Aktionen gefördert werden, auch wenn dies nicht immer gut kommuniziert wird.

Was muss getan werden, um die Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft und in der Wirtschaft diesbezüglich zu erhöhen?

Rom wurde nicht an einem Tag gebaut - auch kleine Erfolge müssen gefeiert werden. Die Ergebnisse dieser Aktionen sprechen für sich. Es muss jedoch auch anerkannt werden, dass ein Wandel innerhalb einer gewinnorientierten Gesellschaft keine leichte Aufgabe ist, jedoch durchaus erreicht werden kann. Umso mehr aktive Forschung und prominente Publikationen in Bezug auf die Werte der Nachhaltigkeit, umso besser wird die Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft. Zweifellos kann man damit am besten bei der neuen Studenten-Generation, bei Universitätsabsolventen, jedoch auch schon bei Kindern im Schulalter beginnen, die positiven Einfluss auf die Zukunft unserer Gesellschaft und unserer Welt ausüben können. Bildung ist sicherlich der Schlüssel dazu.

Politik, Industrie oder Gesellschaft – wer sollte die treibende Kraft für die Weiterentwicklung von Sustainable Entrepreneurship sein?

Meiner Ansicht nach würde ich sagen: alle sollten es sein! Warum, könnte man mich fragen: Weil Nachhaltigkeit uns alle angeht, sowohl in der Welt der Wirtschaft als auch im privaten und familiären Bereich.

Wie würden Sie die Situation in Großbritannien in Bezug auf die Entwicklung des Sustainable Entrepreneurship beurteilen? Gibt es hier Unterschiede zwischen UK und Europa?

Derzeit scheint es in beiden Ländern eine gewisse Bewusstseinsbildung hinsichtlich Entrepreneurship zu geben und Nachhaltigkeit ist heute in jedem Fall überall in der Welt ein großes Thema.  Private Unternehmen haben den größten Anteil an der britischen Wirtschaft und bilden auch das größte Potential für weiteres Wachstum bei Beschäftigung und Output. Diese Unternehmen sind weltweit die größten Arbeitgeber. Einer der führenden britischen Wirtschaftsexperten, Ian Stewart, stellt fest, wie wichtig Entrepreneurs für das britische Wirtschaftswachstum sind, wobei sich Politiker aller Parteien darin einig sind, dass die Erholung der Wirtschaft nicht allein seitens der Regierung oder durch den privaten Konsum angekurbelt werden kann, sondern dass eigentlich die kleineren Betriebe die führende Rolle bei diesem Wachstum spielen werden. Auch ich bin dieser Meinung. Die britische Regierung fördert Entrepreneurs durch steuerliche Anreize, jedoch erklären viele Entrepreneurs, dass Abgaben einschließlich Lohnsteuer, Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung und Mehrwertsteuer die drei größten Belastungen für ihr Unternehmen darstellen. Der britische Schatzmeister hat im UK-Budget der Regierung für 2013 eine Entlastung in Höhe von £2,000 für die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung (NIC) vorgesehen, um die Entrepreneurs bei den Kosten für Arbeitskräfte zu unterstützen. Außerdem wurde der britischen Regierung in einem Deloitte-Bericht 2013/14 empfohlen, sicherzustellen, dass die Business Bank unternehmerfreundlich agiert, dass die Kosten für die Einstellung von Personal weiter zu reduziert und auch die Einstellung von begabtem Personal aus Übersee gefördert werden.

SEA vergibt Preise für Projekte, die außergewöhnlich gute Beispiele für Sustainable Entrepreneurship darstellen. Was hat Sie persönlich veranlasst, diese Idee zu unterstützen?

Wenn wir Eltern sind, versuchen wir immer, unsere Kinder auf eine noch unbekannte zukünftige Welt vorzubereiten. Niemand konnte das World-wide-web (www) und die Auswirkungen, die es auf unsere Gesellschaft haben würde, vor ca. 40 Jahren voraussehen. Wir können jedoch über die Vergangenheit reflektieren und versuchen, Schlüsse aus den guten und schlechten Erfahrungen zu ziehen und dies als Richtlinie für die Erziehung unserer Kinder benutzen, um für sie eine bessere Zukunft zu gestalten. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass außergewöhnliche Beispiele für nachhaltiges Entrepreneurship entsprechend geehrt und gefeiert werden. Diese Anerkennungen tragen nicht nur zur Bewusstseinsbildung bei und motivieren jene, die bereits nachhaltig wirtschaften, sondern werden auch andere dazu anregen, ihrem Beispiel zu folgen.

Inwieweit kann jeder von uns dazu beitragen, den Einfluss von Sustainable Entrepreneurship zu unterstützen?

Im Rahmen unserer universitären Lehrtätigkeit ist es unerlässlich, dass wir zu diesem Thema forschen, untersuchen und publizieren und auch diese Gedanken in unsere Hörsäle bringen, so dass unsere Studenten immer nachhaltig handeln würden, wenn sie dann später in die Arbeitswelt hinausgehen.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Welches SE-Projekt ist für Sie das allerwichtigste, von dem Sie je gehört haben, und warum?

Für mich verkörpert die Idee der London Metropolitan University Sustainable Entrepreneurship am besten.  Der unternehmerische Aspekt der Universität ist nicht die Schaffung eines kleinen Entrepreneur-Business, sondern die Universität hat es sich zur Aufgabe gemacht, breiteren Schichten der Bevölkerung die Teilnahme an höherer Bildung zu ermöglichen. In Großbritannien war das Studium an einer Universität traditionell das Privileg einer Elite, während Menschen aus weniger bevorzugten Kreisen oder mit schwierigem sozialen Background davon mehr oder weniger ausgeschlossen waren. Dank der London Metropolitan University ist dies nun nicht mehr der Fall und andere britische Universitäten folgten ihrem Beispiel. Meine Universität ist stolz auf ihre Politik der Öffnung für weitere Kreise der Bevölkerung und freut sich über ihre verschiedenen Studentengruppen, die aus einem wirtschaftlich weniger begünstigten Milieu und aus ethnischen Minderheiten kommen, Arbeitsplätze finden und verantwortungsbewusst handeln.  Diese Strategie fördert Studenten, die nicht aus traditionellen Kreisen kommen, so dass sie ein Studium abschließen können und dadurch ihr menschliches Kapital und somit auch die Gesellschaft als Ganzes stärken.