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Dr. René Schmidpeter

internationaler CSR-Experte

Mit dem sea zeichnet der Verein für Sustainable Entrepreneurship herausragende Projekte im Bereich Sustainable Entrepreneurship aus. Was hat Sie bewogen, der Jury des sea beizutreten?

Es ist offensichtlich, dass die gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen eine europäische Dimension haben. Jedoch wird bei den Lösungsansätzen nach wie vor oft in nationalen Kategorien gedacht. Der sea besitzt unter den CSR-Preisen ein Alleinstellungsmerkmal darin, dass er gezielt über die Staatengrenzen hinweg zur Teilnahme einlädt. Denn wir brauchen mehr unternehmerische Ansätze „Nachhaltigen Wirtschaftens“ in allen Regionen Europas und wir sollten mehr voneinander lernen. Der sea stellt eine gute Möglichkeit dar, die besten Beispiele aus verschiedenen Ländern kennen zu lernen und so über die Grenzen hinweg die europäische „Idee des nachhaltigen Wirtschaftens“ zu befördern. Gerade in Zeiten wie diesen kann eine gemeinsame Idee verbinden und helfen verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen.

Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship?

Es bedeutet für mich, die positiven Effekte und kreativen Potenziale des Unternehmertums stärker als bisher zu nutzen, um eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft zu erreichen. Die gegenwärtige Krise zeigt: Wir brauchen mehr ökologische und soziale, aber vor allem auch wieder mehr ökonomische Nachhaltigkeit in unserem Handeln. Unternehmer können hier einen wichtigen Beitrag liefern, indem sie ihre Geschäftsmodelle so ausrichten, dass durch ihr Handeln sowohl ein unternehmerischer, als auch ein gesellschaftlicher Mehrwert entsteht.

Warum brauchen wir Sustainable Entrepreneurship?

Weil wir Unternehmertum brauchen! Die Geschichte zeigt, dass in allen Zeiten des Wandels insbesondere Unternehmer auch wichtige gesellschaftliche Innovatoren waren. Ich denke an betriebliche Pensionskassen, an innerbetriebliche Weiterbildung und vieles mehr. Unternehmer erkennen oft als erstes, wo der Schuh drückt und sind bereit, in ihr gesellschaftliches Umfeld zu investieren. Diese unternehmerischen Ansätze werden mehr denn je benötigt, um neue Wege für zur Bekämpfung der aktuellen Herausforderungen (Ressourcenknappheit, demografische Entwicklungen etc.) zu finden. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir nur bestehen können, wenn Unternehmen Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sind. Das heißt, wenn Unternehmen sich als Sustainable Entrepreneurs begreifen.

Wie verankert ist das Prinzip des Sustainable Entrepreneurship heute bereits in den Köpfen der Menschen, aber vor allem im Handeln der Unternehmen?

Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen wissen um die Wichtigkeit eines stabilen Umfeldes (d.h. gutes Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem). Sie sind oft schon seit Jahrzehnten fest in ihrer Region verwurzelt und investieren in ihr gesellschaftliches Umfeld. Dieses Engagement ist wichtiger denn je. Nachhaltige Unternehmer gehen nun noch einen Schritt weiter, indem sie ihre ganze unternehmerische Wertschöpfung entlang des Prinzips Nachhaltigkeit ausrichten. Nachhaltige Unternehmen nutzen ihre ganzen Ressourcen dazu, um betrieblichen und gesellschaftlichen Mehrwert gleichzeitig zu generieren. Sie sind erfolgreich, und zwar nicht auf Kosten, sondern zum Nutzen der Gesellschaft. Sustainable Entrepreneurship bedeutet daher das eigene Handeln ständig zu reflektieren und gesellschaftliche Probleme als Chance für unternehmerisches Handeln zu begreifen.  

Es hat den Anschein, als wäre Sustainable Entrepreneurship im Allgemeinen nach der Krise noch wichtiger geworden. Teilen Sie diese Meinung? Und warum führen oftmals erst Krisen zu Bewusstseinsänderungen, sowohl in der Wirtschaft, wie auch in Politik und Gesellschaft?

Die gesellschaftlichen Herausforderungen sind über die letzten Jahrzehnte permanent größer geworden. Wir sind kurz davor, sieben Milliarden Erdenbürger zu zählen und in vielen Teilen der Erde stehen wir vor dynamischen Entwicklungssprüngen. Wir befinden uns in Zeiten des Wandels und die Krise macht nun für viele offensichtlich, was schon lange bekannt ist: Wir brauchen neue Managementansätze und wirtschaftliche Innovationen, um in diesem dynamischen Umfeld zukunftsfähig zu bleiben. Insbesondere das „Vertrauen in die Wirtschaft“ und die „Unternehmerische Kreativität“ sind zu knappen Ressourcen geworden. Konnten wir im letzten Jahrzehnt noch auf grenzenloses Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft zurückgreifen, müssen wir nun durch mehr Transparenz sowie durch Innovation verstärkt gesellschaftlichen Mehrwert generieren. Nur so wird allen klar, dass Unternehmen Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sind. 

Wenn man Sustainable Entrepreneurship als großes, gemeinsames Anliegen sieht, so gibt es auf der anderen Seite den starken Trend zum Individualismus, zur „Ich-AG“, zum Nationalismus. Woher kommt dieser Widerspruch? Und wie können wir ihn auflösen?

In Zeiten wie diesen bevorzugen viele Menschen das, was sie kennen. Sie versuchen sich abzuschotten von den für sie vermeintlich negativen Entwicklungen. Jedoch verstärkt oft gerade dieses Verhalten die Probleme, indem es das voneinander Lernen und somit gemeinsame Lösungen verhindert. Daher benötigen wir gerade jetzt verbindende Ideen. Nachhaltiges Wirtschaften könnte eine wichtige Klammer sein, um die bereits existierenden positiven unternehmerischen Ansätze zu bündeln und den Menschen so wieder eine gemeinsame Idee zu geben, welchen Beitrag die Wirtschaft für eine positive Zukunft liefern kann. Dieser Prozess kann nur über die Grenzen hinweg gedacht werden und muss die Menschen in allen europäischen Ländern mitnehmen und begeistern.

Welche Branchen sehen Sie als besonders vorbildlich an, wo sehen Sie noch deutlichen Aufholbedarf in Bezug auf Sustainable Entrepreneurship?

Insbesondere Branchen, die vor großen Herausforderungen stehen (Energie-, Automobil-, Nahrungsmittelbranche etc.) haben erkannt, dass es so wie bisher nicht weiter funktionieren wird. Oder positiv ausgedrückt: Wenn man in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben und neue Märkte erschließen möchte, kann dies nur mit nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen gelingen. Hier liegt nicht nur ein großer Hebel für die Lösung drängender gesellschaftlicher Herausforderungen, sondern auch ein großes Gewinnpotenzial für die Unternehmen. Kluge Manager und Unternehmer haben dies erkannt und investieren heute schon in die Lösungen von morgen. Wer diese Entwicklung versäumt, wird zu den Verlierern der Globalisierung zählen.

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – wer sollte die treibende Kraft im Prozess rund um Sustainable Entrepreneurship sein?

Gegenwärtig wird nicht nur die Rolle der Unternehmen in der Gesellschaft neu definiert. Auch die Politik und die Zivilgesellschaft verändern ihre Rollen. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass keiner allein die gegenwärtigen Herausforderungen lösen kann. Vielmehr geht es darum, alle gesellschaftlichen Kräfte zu bündeln, um gemeinsam für eine nachhaltige Gesellschaft zu wirken. Die Politik kann hier als Moderator eine wichtige Rolle einnehmen und im Dialog mit den Unternehmen und den Nichtregierungsorganisationen die jeweiligen Rahmenbedingungen so gestalten, dass verstärkte Anreize für nachhaltiges Wirtschaften entstehen. Zudem kann jeder Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in seinem Umfeld dazu beitragen, dass die Leitidee der Nachhaltigkeit durch konkrete Maßnahmen umgesetzt wird.

Wie kann jeder Einzelne persönlich beitragen, dass Sustainable Entrepreneurship noch mehr an Bedeutung gewinnt?

Indem jeder einzelne sich als Unternehmer sieht, der durch sein Handeln Mehrwert für sich und sein Umfeld generiert. Und dadurch, dass man durch Reflexion sowohl seine eigenen Möglichkeiten aber auch Grenzen erkennt. Wenn man Probleme nicht alleine lösen kann, gilt es in Kooperation mit anderen nach neuen Lösungen zu suchen.

Wie kann man verhindern, dass SE-Maßnahmen nicht reines „Greenwashing“ sind? Welche Maßnahmen und Methoden sind dazu intern anzuwenden?

Transparenz und Einbindung der Stakeholder sind unumgänglich, wenn man auf Dauer Nachhaltigkeit in das Unternehmen integrieren möchte. Zudem benötigt man eine klare Strategie wie gesellschaftlicher und unternehmerischer Mehrwert generiert werden soll, darauf aufbauend gilt es konkrete Maßnahmen zu setzen, deren Erfolg durch geeignete Steuerungs- bzw. Messinstrumente kontrolliert wird. Ein solches strategische Handeln sollte klar nach innen und außen kommuniziert werden und etwaige Kritik für Verbesserungsprozesse genutzt werden.

Welche Rolle spielen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im SE-Prozess?

Mitarbeiter besitzen eine herausragende Rolle. Sie sind es, die tagtäglich in vielen kleinen und großen Entscheidungen die Unternehmensstrategie mit Leben erfüllen. Daher ist es wichtig, eine gemeinsame Vision des nachhaltigen Wirtschaftens zu entwickeln, um in allen Unternehmensbereichen betrieblichen und gesellschaftlichen Mehrwert zu genieren. Wenn sich Mitarbeiter selbst als Sustainable Entrepreneurs sehen, entsteht neues kreatives Potenzial, welches hilft Unternehmen zum Erfolg zu führen.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Welches SE-Projekt ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben – und warum?

Für mich sind es die vielen mittelständischen Unternehmen, die jeden Tag aufs Neue im Wettbewerb bestehen und sich gleichzeitig ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Insbesondere junge Entrepreneurs, die nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen, sondern sich für Ihre Idee einsetzen. Wenn diese dann auch noch wirtschaftlich erfolgreich sind und durch nachhaltige Produkte oder Dienstleistungen einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung unserer Gesellschaft liefern, dann mache ich mir um unsere Zukunft keine Sorgen mehr. Und ich bin mir sicher, es gibt immer mehr dieser Unternehmer. Denn Zeiten wie diese machen Sustainable Entrepreneurs zu Gewinnern. Ich hoffe, durch den sea möglichst viele Ideen dieser Unternehmer kennen lernen zu dürfen und bin mir sicher, dass sie mir alle in Erinnerung bleiben werden.