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Prof. Franz Josef Radermacher, DE

Professor für Informatik an der Universität Ulm

Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship (SE)?

Sustainable Entrepreneurship bedeutet, dass Unternehmer und Unternehmen in ihren Wertschöpfungsaktivitäten den Aspekt der Nachhaltigkeit mitbedenken. Im Minimum bedeutet das, dass ihr Verhalten stärker als bisher in Richtung Nachhaltigkeit orientiert wird. Idealerweise sollte es sogar aktiv zur Nachhaltigkeit beitragen, aber das ist unter den Bedingungen des Weltmarktes, wie er heute organisiert ist, schwierig zu erreichen.

Wie verankert ist das Prinzip der Sustainable Entrepreneurship heute bereits in den Köpfen der Menschen, aber vor allem im Handeln der Unternehmen?

Das Prinzip der Sustainable Entrepreneurship ist mittlerweile bei einem Teil der Unternehmer und Unternehmenseigentümer verankert, häufig aber relativ oberflächlich, etwa mit dem Fokus, langfristig eine besonders gute Rendite erzielen zu wollen. Die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, heute und morgen wird dabei – über die generelle Unternehmenstätigkeit hinausgehend – noch nicht gezielt wahr genommen. Je nach dem Stand der Reflektion bei Eigentümern und Unternehmern und deren Manager und auch je nach Marktsituation und Charakter des Unternehmens sind zielführende Aktivitäten in unterschiedlichem Umfang verankert, häufig unter dem Begriff „Corporate Social Responsibility“.

Es hat den Anschein, als wäre Sustainable Entrepreneurship im allgemeinen in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten noch wichtiger geworden. Teilen Sie diese Meinung? Und warum führen oftmals erst Krisen zu Bewusstseinsänderungen, sowohl in der Wirtschaft, wie auch in Politik und Gesellschaft?

Sie haben recht, in den heute besonders herausfordernden Zeiten wird Sustainable Entrepreneurship noch wichtiger. Die Zeichen signalisieren ja, dass die Verhältnisse nicht stimmen. Hieraus erwächst einerseits der Impuls für Bewusstseinsveränderung, andererseits verschlechtern sich oftmals leider objektiv die Möglichkeiten, in Richtung Nachhaltigkeit zu operieren. Es ist ansonsten nicht überraschend, dass sich in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Dinge meist nur in Krisenzeiten verändern. Denn so lange Krisen vermieden werden können, ist schon sehr viel gelungen. Die Krise erzwingt dann die Veränderung, wobei aber nicht klar ist, ob die Verhältnisse dann in der Folge der induzierten Veränderungen besser werden oder schlechter.

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – wer sollte die treibende Kraft im Prozess rund um Sustainable Entrepreneurship sein?

Politik und Wirtschaft sind beide Teil der Gesellschaft, insofern ist die Gesellschaft in jedem Fall gefordert.  Eine dritte Kraft als Teil der Gesellschaft ist die Zivilgesellschaft. Langfristig brauchen wir eine adäquate Global Governance. Ihre Durchsetzung ist letztlich eine politische Herausforderung.  Die Verhältnisse sind aber nicht günstig dafür, diese Herausforderung zu meistern. Deshalb müssen wir im Moment in dem Dreieck Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft versuchen, voran zu kommen. Eine kritische Zivilgesellschaft und kritische Konsumenten können Unternehmen in eine nachhaltige Richtung bewegen, insbesondere Markenunternehmen, die unter hohem Reputationsdruck stehen. Wenn genügend viele dieser Unternehmen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft in eine nachhaltige Richtung operieren, können sich möglicherweise Verhältnisse ergeben, unter denen die Politik tun kann, was von ihr erwartet wird, was sie aber unter den heutigen Rahmenbedingungen der Ökonomie in der Konkurrenz der Staaten zueinander letztlich nicht umsetzt.

Welche Rolle kann/soll die EU in der Weiterentwicklung von Sustainable Entrepreneurship übernehmen?

Die EU ist die größte Handelsmacht der Welt. Sie hat also einen spürbaren Einfluss darauf, wie sich Sustainable Entrepreneurship weltweit weiter entwickeln wird. Und alleine durch das Setzen ambitionierter Standards für den Standort Europa können wir indirekt sehr viel für globale Veränderungen in diesem Bereich tun. Zugleich setzen wir damit die bisherige Strategie der EU konsequent fort. In Bezug auf Nachhaltigkeit ist die EU im Konzert der großen politischen Blöcke dieser Erde schon immer ein Vorreiter.

Mit dem SEA zeichnet der Club of sustainable entrepreneurs - Verein für nachhaltiges Wirtschaften herausragende Projekte im Bereich Sustainable Entrepreneurship aus. Wie beurteilen Sie diese Initiative?

Ich finde es gut, dass der Club of Sustainable Entrepreneurs herausragende Projekte im Bereich des Sustainable Entrepreneurship mit dem Sustainable Entrepreneurship Award auszeichnet. Und eine ganze Reihe von Projekten dieses Typs hat mich beeindruckt.