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Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, DE

deutscher Naturwissenschaftler und Politiker (SPD)

Als Experte für Biologie, Umwelt und Ökoeffizienz haben Sie die Sensibilisierung für das Thema Sustainability entscheidend geprägt. In Ihrem Buch Faktor 5 – Die Formel für nachhaltiges Wachstum erklären Sie, wie sich die weltweite Ressourcenpolitik um bis zu 80 Prozent steigern und politisch umsetzen lässt. In welchem Zeithorizont wäre dies aus Ihrer Sicht machbar?

Sechzig Jahre, wenn man „alles so laufen lässt“, dreißig Jahre, wenn man die Rahmenbedingungen vernünftig ändert. Übrigens, in Entwicklungsländern eher schneller als bei uns, weil wir viele der „low hanging fruits“ längst gepflückt haben.

Sie plädieren für neue Wege in der Industrie und sprechen sich u. a. für das Prinzip Remanufacturing aus, das in Europa bisher nur sehr rudimentär vorhanden ist. Konnten Sie hierfür schon Unterstützer in großen europäischen bzw. deutschen Industriebetrieben finden?

Ehrlich gesagt bin ich kein Prediger, der Unterstützer sucht. Aber aus Asien kommt Remanufacturing auf die Weltmärkte. Bei Autos ist es vermutlich gar nicht mehr aufzuhalten. Wenn Metalle echt knapp und teuer werden, wird man realisieren, dass der Weg über Schrotthandel, Einschmelzen und Recycling weniger elegant und weniger kosteneffektiv ist als Remanufacturing.

Wie weit ist Europa aus Ihrer Sicht auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft? Und welche Rolle kann, soll bzw. muss dabei die europäische – aber auch die jeweils nationale – Politik übernehmen?

Europa, vor allem Deutschland, Skandinavien und die Beneluxstaaten, ist besser als die meisten anderen Länder. Japan und Südkorea sind gleichauf mit uns. China rennt schnell in die gleiche Richtung, verbraucht aber zur Zeit noch sehr viel Energie und Mineralien für den Aufbau seiner Infrastruktur. Europa kann es mit Erfolg zum Markenzeichen machen, ökologisch vorauszudenken und zu handeln. Mir sagten Chinesen, sie orientierten sich an REACH, der EU-Chemikalienverordnung, weil sie annahmen, dass man bald weltweit nichts mehr verkaufen könne, das nicht REACH-geprüft sei.

Eine permanente ökologische Steuerreform ist eines Ihrer zentralen Anliegen. Wie sollte diese konkret ausgestaltet sein? Und wie kann man verhindern, dass durch diese Veränderungen die Einkommensschere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergeht?

Ich plädiere in der Tat für eine aktive, sanfte Verteuerung von Energie und Primärressourcen im Gleichschritt mit den dokumentierten Effizienzfortschritten, sodass die monatlichen Kosten für Energie und Mineralien im Durchschnitt gleich bleiben. Das ist der industriellen Revolution abgeschaut, während der sich Bruttolohnkosten pro Stunde und Arbeitsproduktivität miteinander im Gleichschritt etwa verzwanzigfacht haben. Eine fantastische Wohlstandsmaschine! Um soziale Brüche zu vermeiden, schlage ich (übrigens den Südafrikanern abgeschaut) einen Sozialtarif für das Notwendigste vor. Ferner soll die Industrie in den Genuss einer Aufkommensneutralität kommen: Das dort kassierte Geld soll pro Arbeitsplatz an die jeweiligen Branchen zurückfließen. So entsteht der doppelte Anreiz, effizienter zu werden und Arbeitsplätze zu halten bzw. zu schaffen. Niemand braucht auszuwandern.

Sie schreiben, dass frühe menschliche Kulturen, in denen der Egoismus dominierte, schlicht ausgestorben sind – und meinen, in überlebenden Kulturen sei der Egoismus immer in Sozialverpflichtung eingebettet, etwa ins Eigentum. Aber ist der Mensch per se nicht egoistisch? Wie schaffen wir es, den Eigennutz als bestimmende Triebfeder des Handels abzulösen?

Ich will und kann den Egoismus nicht abschaffen. Ich will ihn einbetten. Adam Smiths Erkenntnis, dass der Egoismus der Einzelnen dem Land Wohlstand schafft, war bei ihm, einem Moralphilosophen, fest in die Gesetze und Anstandsregeln eingebettet. Schlimm wurde das Modell durch die Globalisierung: Nun war der den Egoismus belohnende Markt global und das Recht und der Anstand blieben national. Europa muss auf globale Regeln pochen! Und Gesetzgeber und Konsumenten müssen die Schweinehunde abstrafen.

Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship?

Im eigenen Betrieb auch die ökologische Nachhaltigkeit hochhalten (die ökonomische und soziale bedient der Betrieb schon aus Eigeninteresse). Und mit dem Staat und der Gesellschaft kooperieren, wenn es darum geht, den Rahmen so zu ändern, dass die Nachhaltigkeit immer rentabler wird.

Welche Branchen sehen Sie als besonders vorbildlich an und wo sehen Sie noch deutlichen Aufholbedarf in Bezug auf Sustainable Entrepreneurship? Gibt es ein Projekt, das Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist – und wenn ja, warum?

Grob gesagt: je kundennäher, desto vorbildlicher. Bei Lebensmitteln und Körperpflege können sich Markenfirmen kein schlechtes Image leisten. Der größte Aufholbedarf ist bei den Finanzmärkten mit ihrem gnadenlosen Kampf um Kapitalrenditen. Dieser Kampf macht es Unternehmern anderer Branchen dann fast unmöglich, langfristig zu handeln. Die Idiotie ist, dass es die Finanzmärkte unter Führung durch die Angelsachsen immer wieder schaffen, von Regulierungen ausgenommen zu werden, denen sich die Chemie- oder Spielzeugindustrie völlig selbstverständlich zu unterwerfen haben!

Wie beurteilen Sie die Initiative des Sustainable Entrepreneurship Award (SEA)?

Positiv. Er sollte knallhart auch Branchen gegeneinander vergleichen, nicht nur „best in class“ innerhalb der Branchen selbst. Denn sonst kommen die Finanzmarktgauner weiter ungestraft davon.