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Prof. Dr. Claudia Kemfert, DE

Energieökonomin, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Die viel zitierte Energiewende ist ein Gemeinschaftsprojekt, das Konsumenten, Wirtschaft und Politik gleichermaßen betrifft und fordert. Wie weit sind wir heute auf dem Weg in ein neues Energiezeitalter?

Die Energiewende ist vor allem ein langfristiges Projekt. Es gehen bis zum Jahre 2022 alle restlichen Atomkraftwerke vom Netz. Diese werden teilweise durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Da aber in diesem Zeitraum auch zahlreiche alte Kohlekraftwerke vom Netz gehen werden, benötigen wir neue Kraftwerke. Gaskraftwerke sind besser in Kombination zu erneuerbaren Energien geeignet, weil sie flexibel einsetzbar und leicht hoch- und herunterzufahren sind. Da durch den Zubau der erneuerbaren Energien der Strompreis an der Börse sinkt, sind derartige Kraftwerke weniger wirtschaftlich. Daher benötigen wir ein kluges Marktdesign, welches nicht nur ausreichend finanzielle Anreize für das Energieangebot gibt, sondern vor allem auch die Nachfrageseite miteinbezieht. Beispielsweise können energieintensive Industrien ihr Nachfrageverhalten den Marktgegebenheiten anpassen, wenn sie dafür attraktive finanzielle Bedingungen vorfinden. Auch die Senkung des Verbrauchs von Energien in Gebäuden ist wichtig. Und ebenso der Netzausbau von Nord nach Süd, ins europäische Ausland sowie dezentral, intelligente Netze. Bei alldem befinden wir uns erst am Anfang. Wir haben aber ja auch noch vier Jahrzehnte vor uns.

Deutschland möchte den Anteil der erneuerbaren Energien in den kommenden vier Jahrzehnten auf 80 Prozent erhöhen. Im kommenden Jahrzehnt soll dieser Anteil auf mehr als 30 Prozent, ausgehend vom heutigen Niveau, bereits verdoppelt werden. Bleibt dieser Plan aus Ihrer Sicht realistisch, vor allem unter dem Aspekt belasteter Staatshaushalte und damit möglicher geringerer Investitionen in die  benötige Infrastruktur?

Der Plan des Ausbaus erneuerbarer Energien ist auf jeden Fall realisierbar, schon heute beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromproduktion 25 Prozent. Die große Herausforderung wird sein, die Schwankungen und Volatilitäten der erneuerbaren Energien durch den Einsatz von mehr Speicher, dem Ausbau und der Optimierung der Netze und Netzsteuerung sowie der Implementierung eines klugen Marktdesigns zu begegnen und zu lösen. Die Investitionen und Risiken großer Projekte der Energiewende müssen auf vielen Schultern verteilt werden. Der Staat kann nur Anschubfinanzierungen leisten und manche Risiken abpuffern. Die Finanzbranche selbst ist in der Pflicht, die notwenigen Gelder bereitzustellen.

Eine zentrale Frage rund um den Ausbau der erneuerbaren Energien ist der Preis für den Konsumenten. Sie berechnen am DIW Modelle, um beispielsweise die Frage zu klären, wie teuer die Umstellung auf erneuerbare Energien werden könnte. Wie schätzen Sie aus heutiger Sicht die künftige Preisentwicklung ein?

Die Wirkungen auf den Strompreis sind ambivalent. Es gibt genauso viele preistreibende wie -senkende Faktoren durch den Umbau hin zu mehr erneuerbarer Energien. Preissteigernd wirkt der Netzausbau, obwohl das Ausmaß überschaubar sein wird. Wenn Atom durch Kohle ersetzt wird, steigen bei einem funktionierenden Emissionshandel die CO2 Preise, das würde ebenso preissteigernd wirken. Die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien wird steigen – wie sehr, hängt  einerseits entscheidend vom Börsenpreis für Strom ab, andererseits von der Menge des produzierten Stroms aus erneuerbaren Energien und den Ausnahmeregelungen. Preissenkend hingegen wirkt der Börsenpreis, der mit der Zunahme der erneuerbaren Energien sinkt. Auch die Importe wirken preissenkend, da der Strom aus dem Ausland billiger ist. Auch die Zunahme des Wettbewerbs könnte sich senkend auf den Preis auswirken. Da neue Kapazitäten entstehen, können neue Wettbewerber auf den Markt tätig werden, durch mehr Wettbewerb können die Strompreise sinken. In der Summe wird man wohl mit leichten Preissteigerungen rechnen können.

Sie betonen, Klimaschutz sei der Wirtschaftsmotor der Zukunft. Das Wachstumspotenzial der „grünen Branche“ sei immens und werde auch von deutschen Unternehmen immer mehr erkannt. Wie sieht dies auf internationaler bzw. auf europäischer Ebene aus?

Nach wie vor ist Deutschland auf einem guten Weg und in vielen „grünen“ Marktbereichen führend. Andere Länder haben sicherlich auch die wirtschaftlichen Potenziale erkannt. China beispielsweise investiert massiv in erneuerbare Energien und Umwelttechnologien. Das Reich der Mitte war in diesem Jahr Partnerland der HANNOVER MESSE. Man konnte dabei eindrucksvoll bestaunen, wie sich die Märkte rasant entwickeln. Aber auch in den USA investiert man in die innovativen Technologien. Deutschland ist noch immer führend, insbesondere in klassischen Umweltschutztechnologien wie beispielsweise Wasseraufbereitung, Kreislaufwirtschaft, Rohstoffrecycling und erneuerbare Energien. An China sieht man aber eindeutig, dass auch andere Länder die wirtschaftlichen Chancen der wichtigen Zukunftsmärkte erkannt haben. Der Wettbewerb ist aber nicht schädlich, sondern spornt eher noch an.

Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship und inwieweit spielt dies gerade in der Energiewirtschaft eine Rolle?

Das derzeitige Wirtschaften an sich ist nicht nachhaltig. Wir leben über unsere Verhältnisse. Wenn wir weiterhin so viele knappe Ressourcen wie bisher vergeuden, bräuchten wir drei weitere Planeten in Reserve, die wir ausbeuten würden. Dies bedeutet, deutlich effizienter mit Ressourcen umzugehen sowie fossile Ressourcen zu ersetzen. Sustainable Entrepreneurship zeichnet aus meiner Sicht Unternehmen, Projekte oder Personen aus, die das Thema Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung nicht nur benennen, sondern aktiv umsetzen und somit als Vorbild agieren. Wir benötigen viele Unternehmen oder Personen, die schon heute an der Welt von morgen arbeiten.

Welche Branchen sehen Sie als besonders vorbildlich an, wo sehen Sie noch deutlichen Aufholbedarf in Bezug auf Sustainable Entrepreneurship? Gibt es ein Projekt, das Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben – und wenn ja, warum?

Eindeutig die Branche der Energiewirtschaft, aber auch Infrastruktur, nachhaltige Mobilität oder Städtebau und Effizienz sind elementar. Aber auch der Chemiebranche kommt dabei eine Schlüsselposition zu, sie erforscht Ersatztechnologien und -stoffe zu fossile Energien, zukunftsweisende Speichertechnologien sowie Materialien zur Effizienzverbesserung im Bereich Gebäudeenergie, wie beispielsweise Dämmmaterialien, oder im Fahrzeugbau. Da ich in zahlreichen Jurys aktiv bin, sehe ich viele tolle Projekte der nachhaltigen Entrepreneurship. Mich faszinieren immer wieder Personen oder Unternehmen bzw. Projekte, die Ökonomie, Ökologie und soziale Nachhaltigkeit in idealer Weise miteinander verknüpfen. Dies können Projekte der regionalen und dezentralen Projekte der Energiewende in Deutschland sein oder aber erfolgreiche Projekte der Nahrungs- Gesundheits- bzw. Wasserversorgung in weniger entwickelten Regionen. Mir ist wichtig, dass es sich um innovative und vor allem nachhaltige Lösungen handelt, die Vorbild für eine neue Entwicklung sein können.

Wie beurteilen Sie die Initiative des Sustainable Entrepreneurship Award (SEA)?

Ich finde sie großartig. Durch den SEA werden Unternehmen oder Persönlichkeiten geehrt, die das Thema Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in beispielloser Weise umsetzen. Um neue Projekte, Ideen oder gesellschaftliche Verantwortung erfolgreich umzusetzen und zu leben, muss häufig gegen vergangene und herkömmliche Modelle gekämpft werden. Nicht jeder will und kann dies erfolgreich meistern. Oftmals verhindern Widerstände wichtige Veränderungen in Richtung nachhaltiger Zukunft. Ich finde es wichtig und richtig, dass man die Persönlichkeiten, Unternehmen und Projekte auszeichnet, die entweder schon erfolgreich sind oder einen Wandel vorhaben, der unterstützt werden sollte. Dabei kann es sich um eine innovative Idee oder aber ein etabliertes Nachhaltigkeitsprojekt handeln. Der Sichtbarmachung derart wichtiger Ideen und Projekte sowie der Ehrung von Persönlichkeiten kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Daher ist generell ein Award für diese Leistungen so wichtig und SEA damit sehr bedeutsam.