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Dr. Peter Vogel, CH

Serienunternehmer und Leiter Kompetenzzentrum “New Ventures“ Universität St. Gallen

Was verstehen Sie persönlich unter Sustainable Entrepreneurship?

Sustainable Entrepreneurship bedeutet für mich, dass der/die Unternehmer neue Geschäftstätigkeiten entwickelt/entwickeln, die nicht nur darauf abzielen, Nutzen aus einer momentanen Marktchance zu ziehen, sondern stattdessen vorausschauend und umfassend zu planen, um ein Geschäft nachhaltig einzuführen und auszubauen. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Umwelt- und gesellschaftlich relevanten Fragen (z.B. nicht mehr zu zerstören als aufzubauen). Ich glaube daher, dass Sustainable Entrepreneurship der absolut höchste Standard werden sollte, wenn man von der Entstehung einer neuen Geschäftsidee spricht.

Wie fest verankert ist Ihrer Ansicht nach Sustainable Entrepreneurship bereits in den Köpfen der Menschen und vor allem in der Handlungsweise der Unternehmer?

Ich glaube, dass das Konzept des Sustainable Entrepreneurship neben anderen Konzepten wie sozial verantwortungsbewusste Unternehmensführung bereits weit verbreitet ist (und leider in vielen Fällen auch missbräuchlich angewendet wird). Nachhaltigkeit und Marketing-Strategien stehen sowohl für schon eingeführte Unternehmen als auch für Start-up-Unternehmen auf der Tagesordnung. Meiner Ansicht nach haben junge Unternehmensgründer (die Generation Y oder Digital Natives) einen intuitiveren und integrativeren Zugang zu Nachhaltigkeit und einer globalen Sicht der Dinge im Vergleich zu älteren Generationen. Das ist sicher eine gute Sache, insofern als eine ganze Unternehmergeneration nun auf den Markt drängt, die unseren Planeten im Kontext eines gemeinsamen Lebensraums für alle Menschen und Lebewesen betrachtet. Insbesondere beobachte ich diese gemeinsame globale Verantwortlichkeit bei meinen Kollegen bei den Sandboxers oder bei denGlobal Shapers des World Economic Forum. Da diese neue Generation globaler, führender Akteure nun in die Arbeitswelt eintritt, bin ich überzeugt davon, dass wir gemeinsam erreichen können, dass Nachhaltigkeit im Denken und Handeln DIE Lebensphilosophie wird.

Welche politischen Entwicklungen sind im Zusammenhang mit CSR zu erwarten?

Zuallererst möchte ich dazu bemerken, dass ich CSR als ein System sehe, das sich von Sustainable Entrepreneurship unterscheidet. Während Sustainable Entrepreneurship im Zusammenhang mit Neugründungen von Unternehmen zu sehen ist, ist CSR eine spezielle Strategie, die bereits eingeführte Unternehmen im Hinblick auf soziale Verantwortlichkeit verfolgen. Da es in dieser Frage jedoch um CSR geht, werde ich dazu Stellung nehmen.

Meiner Ansicht nach bestehen zwischen Firmen (oder sogar zwischen Abteilungen) mit CSR-Strategien große Diskrepanzen. Während manche auch das tun, was sie versprochen haben, scheinen andere dies weiterhin nur als Marketing-Maßnahme zu sehen, die man eben braucht, um die kommende Generation von nachhaltig denkenden und verantwortungsbewussten Konsumenten „anzusprechen“. CSR ist daher per se unternehmensspezifisch und kann daher nicht systematisch von außen einfach aufgezwungen oder auch durch Regelungen vorgeschrieben werden. Wo jedoch Politiker eingeschaltet werden können und auch sollten, ist die Einführung eines Überwachungssystems mit international anerkannten Standards, um die Effizienz und Leistungsfähigkeit von CSR-Tätigkeiten zu überprüfen.

Wie beeinflusst die Diskussion über die Verpflichtung eines CSR-Reporting die Unternehmen?

Wie bereits kurz hier in einer Antwort erwähnt, gibt es meiner Ansicht nach eine große Bandbreite innerhalb aller CSR-Strategien, die in den letzten Jahrzehnten eingeführt wurden. Einige Wirtschaftszweige (z.B. Textilindustrie, Bergbau, Erdölbranche etc.) müssen sicher infolge der möglichen Bedrohungen für die Gesellschaft insgesamt im Fall einer Non-Compliance stärker überwacht werden, während andere geringere Auswirkungen auf unseren Planten und die Gesellschaft haben und meiner Meinung nach daher nicht das gleiche Reporting-Schema erfüllen müssen (z.B. Dienstleistungsunternehmen). Ich glaube daher, dass, wenn eine derartige Verpflichtung institutionalisiert wird, man nicht ein einziges Schema für alle einsetzen, sondern variable Modelle je nach Wirtschaftszweig anwenden sollte.

Welche Wirtschaftszweige tun Ihrer Meinung nach das Meiste im Sinne von Sustainable Entrepreneurship und welche Branchen müssen in dieser Richtung noch viel tun?

Auch hier müssen wir vorsichtig sein, CSR und Sustainable Entrepreneurship nicht miteinander zu vermischen. Ich möchte die Frage in Bezug auf die neuen Unternehmen beantworten (z.B. jene, die vor Kurzem gegründet wurden oder gerade im Entstehen sind). Ich verfüge zwar über keine wissenschaftlich fundierten Angaben über die Aufteilung je nach Wirtschaftszweig, glaube aber, dass es viele High-Tech-Unternehmen gibt, die sich mit globalen Fragen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen wollen. Sicherlich sind die besonders gefragten Bereiche, in denen verstärkt geforscht wird (und wo neue Unternehmen von Top-Technologie-Unversitäten in der ganzen Welt aus gestartet werden) Energie und Klima, Gesundheit und Lebensqualität (speziell im urbanen Bereich), Logistik und Mobilität, Bildung und selbstverständlich auch der Arbeitsmarkt für die nächste Generation.

Sie haben die Organisation „The Entrerpreneurs’s Ship“ gegründet. Welche Rolle spielt diese Organisation hinsichtlich der Entwicklung nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten?

Vor 2 Jahren habe ich mit The Entrepreneur’s Ship begonnen. Unser wichtigstes Ziel ist es, für die Jugend von morgen einen gesunden Arbeitsmarkt durch funktionelle und gesunde Unternehmer-Ökosysteme weltweit sicherzustellen. Wir unterstützen nationale und regionale Regierungen, aber auch Universitäten bei der Entwicklung von fördernden Strategien für das Unternehmertum und erstellen Programme, um diese Strategien in der Praxis umzusetzen. Auf der Grundlage unserer besonderen Kenntnis der verschiedenen Faktoren und Akteure von unternehmerischen Ökosystemen können wir je nach dem lokalen Kontext maßgeschneiderte Programme erstellen. Damit können wir den Transfer von Wissen an lokale Vertreter und einen nachhaltigen Betrieb auf lange Sicht sicherstellen.

Wenn man die Kombination aus der aktuellen Jugend-Arbeitslosigkeit und der Tatsache betrachtet, dass frühe Arbeitslosigkeit (bereits während der ersten Jahre der Berufstätigkeit) ein besonders schweres und irreparables Trauma hinterlässt, so entwickeln wir sowohl kurzfristige (für die heutige Jugend) als auch langfristige Strategien (für die Jugend von morgen), um das Problem der Jugend-Arbeitslosigkeit nachhaltig durch die Förderung von Unternehmertum und selbständiger Arbeit in den Griff zu bekommen.

Inwieweit kann jeder von uns dazu beitragen, den Einfluss von Sustainable Entrepreneurship zu unterstützen?

Ich nehme an, am einfachsten ist es, über die großen, weltweiten Probleme nachzudenken, die gelöst werden müssen ( nicht jene, von denen es schön wäre, wenn man sie lösen könnte) und sich zu überlegen, wie man sie nicht nur kurzfristig, sondern auch für die nächsten Generationen, also langfristig, in den Griff bekommen kann. Unter anderem gehören zu diesen Problemen die natürlichen Ressourcen, Städteplanung, Energiemanagement, soziale Entwicklung, Ungleichheit, Bevölkerungsdynamik, Bildung, Bekämpfung von Krankheiten und der Arbeitsmarkt.

Wie würden Sie die Situation in der Schweiz in Bezug auf die Entwicklung von Sustainable Entrepreneurship beurteilen?

Ich kann auch hier kein Urteil auf Basis von wissenschaftlichen Daten abgeben noch einen seriösen Vergleich mit anderen Ländern anstellen. Ich glaube aber, dass die Schweiz und seine Unternehmer ziemlich gut arbeiten, insofern, als sie nicht nur in den Kategorien eines schnellen Erfolgs denken (Früchte, die man ganz leicht ernten kann), sondern auch in der Kategorie der Chancen, bei denen der Erfolg schwerer zu erarbeiten, aber auch lohnender ist. Außerdem habe ich den Eindruck, dass es innerhalb des Schweizerischen Marktes viel Vertrauen gibt und dass Unternehmen auch an ihre Auswirkungen auf die Region (z.B. in dem sie nachhaltige Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen) oder auf die Gesellschaft insgesamt denken.

Ich glaube, dass das Schweizerische Startup-Ökosystem in Bezug auf die Nachhaltigkeitsagenda zwei besondere Stärken aufweist: Erstens stellen Familienbetriebe einen wichtigen Pfeiler der Schweizer Wirtschaft dar. Diese Unternehmen sind per definitionem dazu geeignet, Hypes zu überdauern und beeinflussen die Region auf lange Sicht. Zweitens haben in der Schweiz Organisationen eine lange Tradition, die sich mit globalen gesellschaftlichen Herausforderungen beschäftigen (z.B. das Internationale Rote Kreuz). Daher habe ich den Eindruck, dass viele Menschen konsequent über gesellschaftliche und Nachhaltigkeitsfragen in ihrem täglichen Leben nachdenken. Ich kann allerdings auch hier keinerlei Rangordnung anführen oder einen systematischen Vergleich mit anderen Ländern anstellen. Das sind lediglich einige persönliche Eindrücke.

Welche Vorteile haben Unternehmen, die Sustainable Entrepreneurship implementieren oder SE in ihr Kerngeschäft integrieren?

Hier komme ich wieder auf mein vorhin erwähntes Argument zurück, dass wir systematisch zwischen CSR und Sustainable Entrepreneurship unterscheiden müssen. Aber ich werde die Frage etwas anders beantworten (oder die Frage neu formulieren): „Was können bestehende Unternehmen tun, um mehr „unternehmerisch“ zu werden und sich gleichzeitig auf Nachhaltigkeit zu konzentrieren und welche Vorteile haben Unternehmen tatsächlich, wenn sie das erreichen?“

Hier meine Antwort auf die erste Frage: Ich bin überzeugt, dass eingeführte Firmen viel von Entrepreneurship lernen können, insofern als sie unternehmerische Ansätze in ihr Tagesgeschäft integrieren (z.B. Intrapreneurship). In Zusammenarbeit mit Ursula Fischler-Strasak (die so nett war, mich zu einer Beteiligung an diesem Projekt einzuladen und die der Grund ist, warum ich nun Unterstützer von SEA bin) habe ich ein Kapitel in einem Buch darüber verfasst, wie man nachhaltige, innovative Ökosysteme im Rahmen des Intrapreneurship innerhalb eingeführter Unternehmen aufbauen kann. Dieses Kapitel ist Teil des vor Kurzem veröffentlichten Buchs mit dem Titel „Sustainable Entrepreneurship. Business Success through Sustainability.“

Und nun zur zweiten Frage : Ich bin überzeugt, dass jene Unternehmen, denen es gelingt, funktionelle Ökosysteme im eigenen Betrieb zu schaffen und insbesondere solche, die eine Nachhaltigkeitsagenda einführen, den Markt in 50 Jahren beherrschen werden. Wir haben es mit einem systematischen Überdenken der Art und Weise zu tun, „wie man Geschäfte macht“ und können uns nicht vorstellen, dass Unternehmen, die nicht innovativ sind (damit haben eingeführte Unternehmen nämlich den bestmöglichen Zugang zu Entrepreneurship) und Nachhaltigkeit auf ihrer Prioritätenliste nicht an erste Stelle setzen, in Zukunft exstieren werden.

Sie schreiben derzeit über das Thema „Social Entrepreneurship“. Können Sie etwas zum Inhalt und zu den Zielen dieses neuen Buchs sagen?

Das Buch “Social Entrepreneurs @ Work” (www.socialentrepreneursatwork.com) soll sozial verantwortungsbewusste Unternehmensführung weltweit präsentieren, wobei dieses Phänomen offen diskutiert und analysiert wird. Außerdem werden praxisnahe Tipps und Anregungen für die kommende Generation der social entrepreneurs gegeben. Es soll sowohl ein informatives Buch über das Konzept des sozial verantwortungsbewussten Unternehmertums und seine gesellschaftliche Rolle sein, als auch ein leicht zu lesendes Buch mit anregenden Berichten von jungen und bereits etablierten Social Entrepreneurs aus allen Teilen der Welt.

Ich schreibe derzeit auch an einem anderen Buch (www.generationjobless.eu), in dem es um die Jugendarbeitslosigkeit geht, wobei kreative Lösungen behandelt werden, die weltweit implementiert wurden, um das Problem in den Griff zu bekommen. Das Buch wird zu Beginn 2015 veröffentlicht.

SEA vergibt Preise für Projekte, die außergewöhnlich gute Beispiele für Sustainable Entrepreneurship darstellen. Was hat Sie persönlich veranlasst, diese Idee zu unterstützen?

Ich glaube, dass die Berücksichtigung von Nachhaltigkeit bei jeder unternehmerischen Tätigkeit (sei es bei der Gründung eines neuen Unternehmens oder im Management einer schon existierenden Firma) heutzutage eine Notwendigkeit darstellt. Da ich Entrepreneurship generell aktiv unterstütze, betrachte ich dies als die perfekte Kombination.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Welches SE-Projekt ist für Sie das allerwichtigste, von dem Sie je gehört haben, und warum?

Es gibt sicherlich viele wirklich interessante Projekte, die man hier erwähnen könnte. Ich möchte deshalb die Frage in etwas unkonventioneller Weise beantworten. Anstatt einzelne Unternehmen zu nennen, möchte ich die technologischen Revolutionen unterstreichen, die sich auf unsere Gesellschaft insgesamt nachhaltig ausgewirkt haben. Nehmen wir zum Beispiel die Video-Konferenzen. Früher und das ist wirklich schon länger her, da es diese Technologie schon einige Jahre gibt, musste man Flugreisen, Bahnreisen oder Autofahrten in Kauf nehmen, um zu Meetings anzureisen. Das kann nun bequem von einem Büro aus organisiert werden. Natürlich handelt es sich dabei nicht um eine ganz neue Technologie. Ich betrachte dieses Beispiel einer technologischen Erfindung jedoch als repräsentativ, denn dadurch hilft man der Menschheit, die Ressourcen des Planeten nachhaltiger zu nützen.