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Mara Del Baldo, IT

Institut für Wirtschaftswissenschaften, Gesellschaft und Politik an der Universität Urbino

Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship?

Ich persönlich glaube – und das zeigt sich bei mir auch auf beruflicher Ebene in den Studien, an denen ich zu diesem Thema arbeite – dass Sustainable Entrepreneurship von Männern und Frauen weiterentwickelt wird, deren ethische Grundsätze von tiefem Respekt gegenüber Menschen und der Umgebung, in der sie leben, geprägt sind. Die Ausrichtung auf das Gemeinwohl ist grundlegend für Sustainable Entrepreneurship. Diese starke, authentische Willenskraft (die sich manchmal bei Gründern von Unternehmen „für eine gute Sache“ als Charisma äußert) spiegelt sich im Wesen und Handeln des Unternehmens wider und beeinflusst alle Entscheidungen, das Verhalten und alle Beziehungen, die in erster Linie persönlich sind. Das gilt für Social Enterprises, kleine oder große Unternehmen und äußert sich abhängig vom jeweiligen sozialen, kulturellen, ökonomischen und historischen Kontext in verschiedener Form.

Wie tief ist Ihrer Meinung nach Sustainable Entrepreneurship bereits in den Köpfen der Menschen und vor allem im Handeln der Unternehmen verankert?

Ich denke, dass immer mehr Leuten die auf verschiedenste Art mit Unternehmen zu tun haben die Bedeutung dieser Unternehmensphilosophie und -ausrichtung bewusst wird. Kunden, Lieferanten und Arbeitnehmer sehen die Vorteile davon, für bzw. mit solchen Unternehmern und Managern zu arbeiten. Sie sind sich zunehmend bewußt, wie wichtig es ist, Produkte und Dienstleistungen von solchen Unternehmen zu erwerben und so aktiv zu deren Nachhaltigkeit beizutragen.

Ökonomisch erfolgreich zu sein und gleichzeitig einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen, inwieweit lässt sich das aus Ihrer Sicht in Einklang bringen?

Ich persönlich denke (und das erlebe ich auch täglich in meinem Beruf als Lehrerin und Wissenschaftlerin), dass es immer möglich ist, ökonomischen Erfolg und Mehrwert für die Gesellschaft zu verbinden. Das „Geheimnis“ ist, dieses Ziel wirklich erreichen zu wollen und es auch stets persönlich zu verfolgen. Dazu muss man mit dieser besonderen „Berufung“ und mit einem hohen Maß an Verantwortung an jede Art von Arbeit herangehen, sei es in der Produktion, in der Führung oder Leitung von Unternehmen. Das bedeutet auch, der eigenen Tätigkeit mit Leidenschaft, Energie, Engagement und Begeisterung nachzugehen. Man muss sich außerdem bewusst sein, dass alle Handlungen und Entscheidungen (innerhalb und außerhalb des Unternehmens) dazu beitragen, etwas von größerem Wert aufzubauen – das ist in einem weiteren menschlichen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenhang ganz wesentlich. Jeder ist Gestalter seiner oder ihrer Gegenwart und Zukunft und jener Welt, in der er oder sie lebt, sowohl im Besonderen als auch im Allgemeinen. Und so sollte er oder sie sich auch fühlen.
Es lässt sich also sagen, dass durch dieses Verhalten und Handeln ein Mehrwert für die Gesellschaft geschaffen werden kann – dieser ist ein „natürliches“ Ergebnis „guten“ Verhaltens im wirtschaftlichen und sozialen Bereich.

In welchen Bereichen wird Ihrer Meinung nach am meisten für Sustainable Entrepreneurship getan und wo gibt es noch großen Nachholbedarf?

Der Non-Profit-Bereich (der sogenannte dritte oder vierte Sektor) ist hier zurzeit sicherlich führend. Er widmet sich praktisch „von Natur aus“ sozioökonomischen und ökologischen Problemen. Daher sind Unternehmen und Organisationen aus diesem Bereich (d.h. Social Enterprises) oft eine treibende Kraft in Hinsicht auf Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein, da sie mit anderen öffentlichen und privaten (d.h. gewinnorientierten) Unternehmen in Netzwerken zusammenarbeiten. Trotzdem ist der Nonprofit-Bereich nicht der einzige Bereich und ich denke, dass man Sustainable Entrepreneurship als Prozess betrachten kann, der Unternehmen, Institutionen und Organisationen aller Wirtschaftszweige (Industrie, Handel, Landwirtschaft und Dienstleistungen) betrifft. Zweifellos sind manche Bereiche stärker vertreten (da die Tätigkeit ihrer Unternehmen durch einen größeren Einfluss auf Gesellschaft, Umwelt etc. gekennzeichnet ist), doch viele wichtige und authentische Erfahrungen in Sachen Sustainable Entrepreneurship kommen unerwarteterweise aus traditionellen und innovativen Sektoren, die geringen Einfluss auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft haben und werden vor allem von kleinen Unternehmen und nicht von großen internationalen Konzernen propagiert.

Sustainable Entrepreneurship ist – wie Sie es bezeichnet haben – der „nächste Schritt zu verantwortungsvoller Wirtschaft“. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um die nächste Stufe zu erreichen und mehr Bewusstsein in der Gesellschaft und der Wirtschaft zu schaffen?

Die Maßnahmen sind unterschiedlich und sollten auf verschiedenen Ebenen entwickelt werden und in verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, des Managements und der Gesellschaft. Ein wesentlicher erster Schritt besteht darin, die akademische Debatte, die in verschiedenen Disziplinen (Wirtschaft, Management, Soziologie, Jus etc.) geführt werden sollte, zu fördern und zu bereichern. Außerdem müssen Studien veröffentlicht werden, denn das Bewusstsein für diese Themen innerhalb der Wissenschaftsgemeinde muss steigen – vor allem bei jungen Forschenden. Durch spezielle Forschungsreihen (wie z. B. Aktionsforschung oder Motivationsforschung) sollten Unternehmer, Institutionen und die Gesellschaft direkt in die Verbreitung von Sustainable Entrepreneurship eingebunden werden. Und schließlich sollten auch Studenten für das Thema sensibilisiert werden, denn sie sind selbst bald Manager und Unternehmer. Es ist besonders wichtig, dass ihre Entscheidungen sich daran orientieren, eine nachhaltige Unternehmenskultur mit dem Ziel, eine echte Zivilgesellschaft aufzubauen.

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Wer glauben Sie, sollte die treibende Kraft für die weitere Entwicklung sein?

Keiner dieser Bereiche kann für sich alleine die treibende Kraft für die Weiterentwicklung von Sustainable Entrepreneurship sein – sie alle müssen dafür zusammenarbeiten. Meiner Meinung nach können nur solche Ansätze wirksame Ergebnisse bringen, bei denen mehrere Interessensgruppen zusammenarbeiten oder wo anders gesagt Mainstreaming- und Bottom-up-Ansätze verfolgt werden. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind Bereiche, in denen Akteure aufeinander hören, sich treffen und zu diesen Themen beraten müssen. Natürlich kann eine dieser treibenden Kräfte in unterschiedlichen Zusammenhängen (in bestimmten Ländern und Gebieten) führend sein, doch – wie ich schon in meiner vorherigen Antwort erklärte – erst durch ein Zusammenwirken kann die nächste Stufe (in Richtung verantwortungsvoller Wirtschaft) erreicht werden. Nur so kann auch das Bewusstsein in Gesellschaft und Wirtschaft erhöht werden.

Wie würden Sie Österreichs Position in der Entwicklung von Sustainable Entrepreneurship beurteilen?

Mein Urteil fällt auf jeden Fall positiv aus. Aufgrund seiner historischen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Traditionen ist Österreich ein Land, das in sich die Basis für eine Ausrichtung auf Sustainable Entrepreneurship trägt.
Österreich hat sich, wie auch Italien, einen guten sozialen Zusammenhalt bewahrt. Außerdem ist das sozioökonomische Umfeld durch eine Vielfalt von Kleinstädten und Kleinstunternehmen gekennzeichnet. Es ist ein Land mit positiver Einstellung zur Herkunft und Umwelt sowie großer Nähe zwischen den Interessensgruppen. Das stellt eine treibende Kraft für Verantwortung und nachhaltigkeitsorientierte Strategien dar. Auch die religiöse Tradition hat in diesem Zusammenhang dazu beigetragen, zentrale Werte zu erhalten – diese helfen dabei, die Ausrichtung auf verantwortungsvolle und nachhaltige Entwicklung aufzubauen und zu stärken.

So wurden verschiedene Aktionen und Initiativen gestartet (zum Beispiel das Abhalten von internationalen Veranstaltungen oder Bildungsinitiativen zu CSR und Social Entrepreneurship im privaten, öffentlichen, NGO und akademischen Bereich – Beispiele hierfür sind der CSR Manager-Lehrgang an der FH des BFI Wien, das Institut für Entrepreneurship und Innovation an der WU Wien, das RCE Graz-Styria der Universität Graz) und mit der Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und den Unternehmen wurden wichtige Veränderungen, die sich aus der Entwicklung in Richtung einer nachhaltigeren, umweltfreundlicheren Wirtschaft mit Zusammenhalt ergeben, angegangen.

Der Sustainable Entrepreneurship Award zeichnet herausragende Beispiele für SE aus. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, diese Idee zu unterstützen?

Ich glaube an die Unternehmer, an die zentralen Werte, die ihrer Arbeit zugrunde liegen sowie an ihre Kreativität und Innovationskraft.

In meiner früheren Laufbahn – bevor ich mich für den akademischen Bereich entschied – war ich zwölf Jahre lang in einer Bank tätig. Ich war Filialleiterin und konnte viele Unternehmer kennenlernen. Ich bewertete und finanzierte ihre Betriebe und trug zur Entwicklung und Auswahl ihrer Geschäftsideen bei. So konnte ich mich davon überzeugen, wie wichtig es ist, ihre Werte, ihre Einstellung, ihr Verhalten und ihre Ziele zu berücksichtigen und wie bedeutend ihre Rolle im sozioökonomischen Kontext ist.

Selbst wenn es viele „schlechte Beispiele“ gab (und immer noch gibt), kann ich doch behaupten, in den meisten Fällen hervorragenden Unternehmer kennengelernt zu haben, die sich in Richtung soziale, wirtschaftliche und umweltbezogene Zielen orientieren und ich habe großen Respekt vor ihrer Tätigkeit. Immer mehr Unternehmer betrachten ihren Betrieb als Mittel (und nicht als Zweck), das nicht nur wirtschaftlichen Bedürfnissen, sondern einer größeren, sogar transzendentalen Sache dient (wie etwa Solidarität, Freiwilligkeit, Hoffnung, Brüderlichkeit). Sie besitzen und leiten „Unternehmen mit Seele“, da sie den Menschen (den Kunden, Angestellten, Lieferanten, die Allgemeinheit etc.) in das Zentrum ihrer Entscheidungen stellen. Daher unterstützte ich diese Idee gerne – dieses Projekt spiegelt meine eigenen Überzeugungen wider sowie die Erkenntnisse, die sich aus meinen empirischen Studien zu diesen Themen ergeben,.

Sie gehören auch zu den hochkarätigen Gastautoren des neuen Businessbuchs „Sustainable Entrepreneurship. Business Success through Sustainability“. Glauben Sie, dass dieses Buch das Potenzial hat, ein Nachschlagewerk für Unternehmer auf der ganzen Welt zu werden? Und warum?

Ja natürlich, denn es geht darin um Unternehmer und es wendet sich auch an sie. Außerdem behandelt es grundlegende menschliche Bedürfnisse, Erwartungen und Perspektiven. Unternehmertum ist vor allem ein „actus personae“. Unternehmer sind Menschen und Unternehmen sind Gemeinschaften von Menschen mit dem Ziel, Reichtum in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht für alle Beteiligten zu schaffen und das Wohlergehen und die Lebensqualität durch die Produktion von Gütern und Dienstleistungen zu erhöhen – sie dienen nicht einfach nur dem Geldverdienen. Durch dieses Buch können Erfahrungen mit Sustainable Entrepreneurship geteilt und verbreitet werden. Es soll andere dazu motivieren, diese „Tugenden“ zu übernehmen, zu ausgezeichneten Beispielen zu werden und kann Hoffnung geben – das brauchen wir alle und die heutige Welt mehr als je zuvor.

Auf welche Weise kann jeder von uns dazu beitragen, dass Sustainable Entrepreneurship noch an Bedeutung gewinnt?

Indem man über Sustainable Entrepreneurship und seine verschiedenen Formen, Mittel und Ausdrucksmöglichkeiten spricht und sie konsequent in verschiedenen Bereichen (Wissenschaft, Politik, Management und Unternehmertum) vertritt. Viele der Unternehmen, die Beispiele für Sustainable Entrepreneurship sind, möchten ihre Erfahrungen teilen, sie bekannt machen und andere damit „anzustecken“. Erst gestern, bei der Präsentation des „Global Report“ (ein integrierter Bericht der Sozialbericht, Nachhaltigkeitsbericht, Geschäftsbericht sowie Wissenbilanz beinhaltet) sagte ein Unternehmer zu mir: „Es ist unbedingt notwendig, dass wir unsere Erfahrungen teilen, mit Menschen in Kontakt treten, unsere wirtschaftlichen, finanziellen, sozialen und ökologischen Ziele mit allen Beteiligten teilen – genauso wie unsere Hoffnungen und Träume.“ Wir tragen sehr gerne dazu bei, eine bessere Welt zu schaffen und wollen zuerst über unsere nachhaltigen Entscheidungen sprechen, schließlich ist das der erste Weg, sie zu teilen. Und die Menschen müssen teilen – nicht nur Dinge, sondern vor allem Perspektiven und Hoffnungen.

Und zuletzt eine persönliche Frage: Welches SE-Projekt ist Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben und warum?

Es gibt viele Projekte und Initiativen, die erwähnenswert wären und daher ist es schwierig für mich, ein einzelnes/eine einzelne auszuwählen. Ich könnte hier viele SE-Projekte erwähnen. Was mein Heimatland (Italien) betrifft, wurden viele von der Sodalitas ausgezeichnet und in das jährliche Sodalitas-Buch aufgenommen. Da ich eine Wahl treffen muss, würde ich jedoch die Unternehmen des Projekts „Wirtschaft in Gemeinschaft“ (www.edc-online.org) besonders erwähnen. Es wurde vor 20 Jahren in Brasilien dank des Charismas von Chiara Lubich ins Leben gerufen. Heute beteiligen sich mehr als tausend Unternehmen weltweit sowie auch Gewerbeparks (wie z. B. in Loppiano in Italien oder in Brasilien) an dem Projekt. Das Besondere sind die Ziele, nämlich Solidarität zu globalisieren, Armut zu bekämpfen und das Prinzip universeller Brüderlichkeit durch die wirtschaftliche Tätigkeit der Unternehmen von „Wirtschaft in Gemeinschaft“ zu verbreiten. An dem Projekt beteiligen sich sowohl profitorientierte Unternehmen als auch Social Enterprises, die von einer besondere Mission, Führung und Orientierung in Richtung Verantwortung und Nachhaltigkeit geprägt sind..