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Mag. Richard Kühnel, DE

Europäische Kommission
 Vertretung in Österreich

Mit dem SEA zeichnen wir herausragende Projekte im Bereich Sustainable Entrepreneurship aus. Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship?

Für mich bedeutet Sustainable Entrepreneurship oder Corporate Social Responsibility (CSR), dass sich die Unternehmen in ihren Entscheidungen nicht bloß an Markt und Wachstum, an Umsatz und Gewinn orientieren, sondern durch verantwortungsvolles Handeln und Denken – d. h. durch die Einbeziehung von sozialen und Umweltthemen in ihre Geschäftsabläufe – den Bedürfnissen unserer heutigen Gesellschaft sowie künftiger Generationen gerecht werden.

Warum brauchen wir Sustainable Entrepreneurship?

Das ist eine Wertefrage. Das europäische Modell ist einzigartig, da es auf einer öko-sozialen Basis steht. Sustainable Entrepreneurship ist notwendig, da das Umwelt- und Sozialbewusstsein der Menschen zugenommen hat. Die Bedingungen, unter denen die Produkte entstehen und entwickelt werden, sind für eine Vielzahl von Bürgern zu einem maßgeblichen Faktor für ihre Kaufentscheidungen geworden. Das hat daher auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Sustainable Entrepreneurship ist damit sowohl für eine moderne, ausgewogene und ressourcenschonende Gesellschaft relevant, als auch ein zentraler Wettbewerbsfaktor in einer globalen Wirtschaft.

Wie verankert ist das Prinzip der Sustainable Entrepreneurship heute bereits in den Köpfen der Menschen, aber vor allem im Handeln der Unternehmen bzw. der Politik?

Ein gewisser Wertewandel ist schon seit einigen Jahrzehnten in der Gesellschaft sichtbar. Die Verbraucher sind kritischer geworden; sie sind achtsamer und hinterfragen mehr. Und sie nutzen zunehmend vor allem neue Medien, um sich Informationen zu verschaffen oder auch aktiv gegen ein ethisch fragwürdiges Handeln seitens der Unternehmen vorzugehen. Mehr und mehr Firmen sind sich dessen bewusst und achten darauf, ihre Strategien und Arbeitsabläufe nachhaltig auszurichten. Allerdings wollen wir nicht locker lassen, bis das Prinzip der CSR für alle Unternehmen zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.

Es hat den Anschein, als wäre Sustainable Entrepreneurship im Allgemeinen nach der Krise noch wichtiger geworden. Teilen Sie diese Meinung? Und warum führen oftmals erst Krisen zu Bewusstseinsänderungen, sowohl in der Wirtschaft, wie auch in Politik und Gesellschaft?

Leider bedarf es häufig erst einer Krise, damit wir unser Handeln überdenken. Wichtig ist in solchen Zeiten, die richtigen Lehren aus der jeweiligen Situation zu ziehen und dementsprechend zu agieren. Die EU-Kommission ist überzeugt, dass hier CSR der richtige Weg für eine nachhaltige Zukunft ist, sowohl für unsere Gesellschaft als auch für unsere Unternehmen. Europa kann und soll nach der Krise Vorreiter für ein sozial faires und ressourcenschonendes Wirtschaftsmodell sein.

Welche Branchen sehen Sie als besonders vorbildlich an, wo sehen Sie noch deutlichen Aufholbedarf in Bezug auf Sustainable Entrepreneurship?

Ich möchte nicht eine Branche oder ein besonderes Unternehmen hervorheben. Es ist nicht überraschend, dass skandinavische Unternehmen hier schon länger aktiv sind. Heute setzen sich eine Vielzahl von Unternehmen in unterschiedlichen Bereichen zunehmend mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit auseinander. Dadurch wird ein Bewusstsein geschaffen und ein Prozess in Gang gesetzt, den wir als Europäische Kommission unterstützen. Letztendlich liegt es jedoch an den einzelnen Unternehmen, bewusste und langfristige Entscheidungen zu treffen und dabei die dementsprechenden Risiken und Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Auch viele österreichische Unternehmen haben mittlerweile auf freiwilliger Basis diese Schritte gesetzt. Für die anderen ist es höchste Zeit!

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – wer sollte die treibende Kraft im Prozess rund um Sustainable Entrepreneurship sein? Welche Rolle kann und soll speziell die EU in diesem Zusammenhang spielen?

Sustainable Entrepreneurship fordert den Einsatz aller Beteiligten. Nur gemeinsames Arbeiten ermöglicht einen dauerhaften Erfolg auf dieser Ebene. Die Politik regelt die gesetzlichen Vorgaben. Die Wirtschaft bemüht sich, ihre Produkte und Dienstleistungen an diesen Rahmenbedingungen auszurichten. Und es sind letztendlich die Verbraucher, die sich bewusst für nachhaltige Produkte und Dienstleistungen entscheiden müssen. Somit greift eins ins andere.
Aufgabe der EU und somit auch der Europäischen Kommission sollte es sein, die Selbst- und Koregulierung in diesem Bereich zu fördern und das Prinzip der CSR durch gezielte Maßnahmen verstärkt zu verbreiten. Die Europäische Kommission ist in diesem Bereich aktiv involviert und hat im Oktober 2011 eine Strategie zur sozialen Verantwortung der Unternehmen veröffentlicht, die einen Aktionsplan für den Zeitraum 2011–2014 mit Verpflichtungen und Anregungen für europäische Unternehmen und die Mitgliedstaaten enthält.

Wie kann man verhindern, dass SE-Maßnahmen nicht reines Greenwashing sind? Welche Maßnahmen und Methoden sind dazu intern anzuwenden?

Die Europäische Kommission tritt verstärkt dafür ein, Transparenz zu schaffen und die Offenlegung von sozialen und ökologischen Informationen durch die Unternehmen zu verbessern. Bisher ist dies informell oder auf freiwilliger Basis geschehen. Die Kommission beabsichtigt, einen Vorschlag für eine Rechtsvorschrift in diesem Bereich zu erarbeiten, um gleiche Ausgangsbedingungen für die Unternehmen zu gewährleisten. Positive Beispiele sollen in der Öffentlichkeit hervorgehoben und belohnt werden.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Welches SE-Projekt ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben – und warum?

Während meiner Tätigkeit bei den Vereinten Nationen in New York konnte ich bei der Ausarbeitung des "Global Compact" (Globaler Pakt der Vereinten Nationen) mitwirken, der von dem damaligen UN Generalsekretär Kofi Annan ins Leben gerufen wurde. Dieser weltweite Pakt wird zwischen Unternehmen und der UNO geschlossen, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten. Viele Firmen haben sich diesem Pakt angeschlossen. Und man kann sagen, dass er ein Meilenstein für Sustainable Entrepreneurship und CSR darstellt.