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Karen A. M. Wendt, DE

Responsible Investment Banking

Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship?

Wir leben in einer Zeit tiefgreifender globaler Veränderungen, die uns alle betreffen und die wir nicht länger ignoriert können. Je mehr wir wissen, desto größer wird auch unsere Verantwortung für die Folgen unseres Handelns. Vor diesem Hintergrund muss auch das Konzept der Sustainability und des Sustainable Entrepreneurship neu konzeptualisiert werden. SE heißt für mich heute, durch wirtschaftliche Aktivitäten eine positive Wirkung für Umwelt und Gesellschaft zu erzielen.

Wie tief verankert ist diese Denkweise aus Ihrer Sicht schon in den Gesellschaft, vor allem aber in den Köpfen der Unternehmer?

Ich glaube, dass diese Denkweise bereits viel stärker in den Köpfen der Menschen und der Unternehmerinnen und Unternehmer verankert ist, als wir glauben. Wir wissen um den Zustand unserer Welt und jeder kann sich ungefähr ausmalen, was es bedeutet, wenn die Weltbevölkerung sich in nur einem Jahrhundert fast vervierfacht (von 2,5 Mill. 1950 auf 9,5 Mill. 2050). Leider glauben viele jedoch noch immer, dass eine nachhaltige Form des Wirtschaftens unprofitabel sein muss. Hier muss man meiner Ansicht nach ansetzen und zeigen, dass Wirtschaft und Nachhaltigkeit eben keine Gegensätze sind, sondern miteinander gedacht werden können.

Welche Branchen sind Ihrer Meinung nach weit vorne, wenn es darum geht, Sustainable Entrepreneurship zu leben und welche haben noch Aufholbedarf?

Vergleiche sind hier immer sehr schwierig, da es bereits innerhalb der einzelnen Branchen sehr große Unterschiede gibt. In der Finanzbrache etwa, die ich persönlich am besten kenne, gibt es Akteure, deren Geschäftsmodell voll und ganz auf Nachhaltigkeit und Verantwortung beruht und die zeigen, dass man mit Investments einen positiven Impact für Gesellschaft und Umwelt erzielen kann. Andere wiederum behandeln diese Frage nur am Rande. Sicher ist, dass in Anbetracht der Größe der Herausforderungen und des starken gesellschaftlichen Diskurses über Sustainability, heutzutage keine Unternehmerin und kein Unternehmer mehr das Thema ignorieren kann.

Wie wichtig ist es Ihnen nachhaltiges Denken vorzuleben und inwiefern tun Sie das?

Ich versuche, nachhaltig und verantwortungsbewusst zu leben, lebe vegan, fliege so wenig wie möglich und sehe meine Aufgabe in erster Linie darin,  Wissenschaft, Finanzwirtschaft und Sustainable Entrepreneurs zusammenzubringe, um ein Zusammenfließen der Konzepte zwischen Sustainable Entrepreneurs, Investoren und Wissenschaft zu ermöglichen. Auf diese Weise möchte ich den Fokus der Finanz- und Investmentbranche auf das absichtliche und proaktive Schaffen von positiven gesellschaftlichen Wirkungen, auch Positive Impact Investing genannt, lenken. Wir müssen Brücken zwischen Wissenschaft, Finanzindustrie und Sustainable Entrepreneurs bauen, sodass eine Vielfalt an neuen Produkten und Marktmöglichkeiten entsteht, denen der Triple Bottom Line Investing Ansatz zugrunde liegt. Darüber hinaus versuche ich, durch wissenschaftliche und publizistische Aktivitäten das Thema voranbringen.

Wie schätzen Sie die Rolle und Position von Deutschland bei der Weiterentwicklung von Sustainable Entrepreneurship ein?

Nehmen Sie den Impact G8 als Beispiel. Viele große und wirtschaftlich starke Länder greifen das Thema Positive Imact Investing heute auf. In Deutschland fokussiert sich Impact Investing auf die Themen Bildung, demographischer Wandel und Integration von Menschen mit Besonderheiten. Das Ziel ist, aus einer vermeintlichen Schwäche eine Stärke zu generieren und daraus ein erfolgreiches Marktproduktion, eine sinnvolle Investition oder – wie die Eberhard von Kuenheim Stiftung es nennt – eine Sinnvestition zu machen. International wird beispielsweise versucht, venture capital und private equity funds als Mittel im Kampf gegen Armut, für bessere medizinische Versorgung oder im Kampf gegen den Klimawandel einzusetzen – oft in Zusammenarbeit mit der staatlichen Entwicklungshilfe. Für all diese Konzepte braucht man Sustainable Entrepreneurs. Ohne sie gibt es auch keine positiven Impacts zu finanzieren und auch keine Investitionsmöglichkeiten mit solchen positiven gesellschaftlichen Wirkungen. Sustainble Entrepreneurs sitzen also zusammen mit der Investment- und Finanzbranche an einer Schnittstelle. Zudem gibt es Social Impact Bonds und hoffentlich werden Impact Investing, Green Bonds und Social Impact Bonds eigene Klassen von Assets. Deutschland ist aus meiner Sicht an dieser Entwicklung beteiligt und könnte sogar eine Schlüsselrolle spielen.

Der SEA zeichnet jedes Jahr Unternehmer für außergewöhnliche Projekte aus, mit denen Sustainable Entrepreneurship in der Praxis umgesetzt wird. Was hat Sie überzeugt, diese Idee zu unterstützen?

Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, nicht nur „die Schlechten“ zu „bestrafen“ und an den Pranger zu stellen, sondern auch „die Guten“ zu belohnen und ins Rampenlicht zu stellen. Diese positiven Beispiele regen an, motivieren und zeigen neue Wege auf.

In welcher Weise kann jeder einzelne von uns dazu beitragen, die Wichtigkeit und Wertigkeit von Sustainable Entrepreneurship zu steigern?

Ich glaube wir alle sind Unternehmer, selbst wenn wir nur für unsere Familie einkaufen oder unser Geld anlegen. Wir alle können uns entscheiden Sustainable Entrepreneurs zu sein oder eben nicht.

Und letzte Frage: Was ist das beeindruckendste Beispiel für Sustainable Entrepreneurship, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Discovering Hands® nennt sich das vom Duisburger Gynäkologen Dr. Frank Hoffmann entwickelte Konzept, bei dem blinde Frauen Brustkrebs ertasten. Die Siemens Betriebskrankenkasse SBK unterstützt und bezahlt als eine der ersten gesetzlichen Kassen in Deutschland diese vielversprechende Methode zur Früherkennung. Ausgebildet werden die blinden Frauen in einem speziellen, zusammen mit der Uniklinik Essen evaluierten und von der Ärztekammer zertifizierten Ausbildungsgang zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU). Diese innovative Methode der Krebsfrüherkennung ist eine enorme Bereicherung in der Vorsorgediagnostik. Discovering Hands®  ist auch im ersten deutschen Social Venture Capital Fonds Bonventure enthalten. Dieses Konzept beweist, dass Wirtschaft und Gesellschaft keine Gegensätze sind, sondern, wenn man nur die richtige Idee hat, sich nachhaltig gegenseitig unterstützen.