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Jakob von Uexküll, DE

Vorstand und Gründer des WFC (World Future Council)

Der World Future Council wurde im Mai 2007 in Hamburg auf Ihre Initiative zum ersten Mal einberufen. Was hat sich in der Zwischenzeit geändert? Inwieweit haben die Finanz- und Wirtschaftskrisen der letzten Jahre Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich habe den World Future Council als Stimme für die Interessen zukünftiger Generationen gegründet. Umweltthemen, wie geeignete Gesetze zur Förderung von erneuerbaren Energien, bleiben daher ein zentraler Teil unserer Arbeit. Zugleich sind soziale Fragen für uns immer wichtiger geworden: Wie verteilen wir Ressourcen, Wohlstand und Verantwortung? Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat schwelende Missstände eskalieren lassen. Finanzmärkte im Dienste der Realwirtschaft und eine Geldschöpfung im öffentlichen Interesse gehören heute ebenso zu den Kernanliegen des World Future Council.

Wachstum allein ist ein Auslaufmodell, schreiben Sie einem Gastkommentar, die Welt braucht eine ökologisch und sozial orientierte Ökonomie. Das ist nun allerdings, mit Verlaub, kein neuer oder revolutionärer Ansatz. Warum tun wir uns aber dennoch so schwer, ihn in die Realität umzusetzen?

Unser Wirtschaftssystem ist in hohem Maße von Wettbewerb auf Kosten der Um- und Nachwelt geprägt. Viele betriebswirtschaftliche Gewinne entstehen nur, weil ökologische und soziale Kosten ignoriert werden. Ein wirksamer Ausweg sind allgemeinverbindliche Gesetze. Nehmen Sie etwa das Top-Runner-Programm in Japan: Dort wird das energieeffizienteste Gerät jeweils zum verbindlichen Mindeststandard für alle Produzenten. Gesetzliche Mindest- und Höchstlöhne würden die Basis für eine soziale Ökonomie schaffen.

Viele geschichtliche Beispiele zeigen, dass es keinen schnelleren Weg gibt, Veränderungen zu erreichen, als durch eine verbindliche Gesetzgebung, ist im Global Policy Action Plan zu lesen. Doch Gesetze erfordern eine einheitliche Basis bzw. einen klar definierten Rechtsraum, in dem sie gelten sollen. Inwieweit kann/soll die EU sich hier aktiv einbringen und den Rahmen definieren? Und tut sie das Ihrer Meinung nach in ausreichendem Maße?

Natürlich wäre die EU hierfür optimal. Aber zurzeit erleben wir ja eher einen Rückschritt in nationalistisches Denken auf vielen Gebieten, weil unverantwortliche Medien zu der Euro-Krise viel Unsinn verbreiten – besonders in Deutschland – und die meisten Menschen nicht verstehen wie Geld geschaffen wird und funktioniert.

Mit dem sea zeichnet der Club of sustainable entrepreneurs – Verein für nachhaltiges Wirtschaften herausragende Projekte im Bereich Sustainable Entrepreneurship aus. Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship (SE)?

Sustainable Entrepreneurship bedeutet für mich, ein nachhaltiges, faires und vielfältiges Unternehmertum, das dem menschlichen Wohlergehen dient und im Einklang mit der Natur steht. Es erfordert jetzt vor allem eine öffentliche Aufklärung über Geld- und Finanzfragen denn wir brauchen ein neues Finanzsystem als Kern einer neuen Wirtschaft, in der wir die großen globalen Herausforderungen der wachsenden Armut, des Klimawandels und der Zerstörung natürlicher Ressourcen bewältigen können.

Wie beurteilen Sie die Initiative des sea?

Ich begrüße sie sehr. Beim World Future Council haben wir einen parallelen Ansatz: ein Preis, der Gesetze auszeichnet, die bessere Lebensbedingungen für heutige und zukünftige Generationen fördern, der „Future Policy Award“. Ziel ist es, diese „guten“ Gesetze weltweit bekannt zu machen und so die Entstehung gerechter, nachhaltiger und friedlicher Gesellschaften zu unterstützen. Der Future Policy Award ist der erste Preis, der auf internationaler Ebene Gesetze auszeichnet. Seit 2009 wird er jährlich in den Politikfeldern verliehen, in denen innovative Lösungen besonders wichtig sind.

Wie verankert ist das Prinzip der Sustainable Entrepreneurship heute bereits in den Köpfen der Menschen, aber vor allem im Handeln der Unternehmen?

Es ist sehr schwer, gegen den Strom zu schwimmen. Wir brauchen Regeln und Gesetze, d. h. ordnende Rahmenbedingungen, die zukunftsgerechte Anreize schaffen und ermöglichen, dass gesellschaftliches Engagement, Unternehmertum, und Erfindungsreichtum sich so schnell wie menschlich und technisch möglich in eine nachhaltige Richtung fortentwickeln. Neoliberale Ideologen glauben noch immer, dass der Markt Herausforderungen besser löst, je weniger Staat es gibt. Ich frage sie immer, warum sie dann nicht z. B. in Somalia investieren wo es praktisch keine Regierungsmacht oder Gesetze gibt...?
Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung bietet Herausforderungen genug, aber sie ist nicht die größte Bedrohung unserer gemeinsamen Zukunft. Sogar die Folgen eines Staatsbankrotts sind bald überwunden, wie viele historische Bespiele zeigen. Aber die Folgen eines Umweltbankrotts können Jahrtausende und länger nachwirken. Über finanzielle Schulden kann man verhandeln: Sie können umgeschuldet, vergeben, gestundet werden. Mit schmelzenden Gletschern und sich ausbreitenden Wüsten kann man nicht verhandeln. Die Natur liefert keine Rettungspakete.

Welche Branchen sehen Sie als besonders vorbildlich an, wo sehen Sie noch deutlichen Aufholbedarf in Bezug auf Sustainable Entrepreneurship?

Es gibt schon viele Ideen und Menschen, die unter den bestehenden Bedingungen Zukunft sichern helfen. Der Hamburger Professor Michael Braungart zeigt mit seinem Konzept „Cradle to Cradle“, wie man als Unternehmer seine Produktion radikal positiv verändern und trotzdem überleben und profitieren kann.

Aber wenn die Rahmenbedingungen so gestaltet sind, dass nachhaltiges Wirtschaften, besonders in Bezug auf Energie- und Ressourcen-Einsatz, noch mit deutlich höheren Kosten verbunden ist, als nicht-nachhaltiges Wirtschaften, wird auch das engagierteste Unternehmen – egal in welcher Branche – dauerhaft im Wettbewerb keine Chance haben. Hier sind wir auf den Staat angewiesen, der – für alle Marktteilnehmer gleich – die entsprechenden Rahmenbedingungen setzt, damit die politisch als ungewünscht eingeschätzten Kosten, die durch nicht-nachhaltiges, zukunft-ungerechtes Wirtschaften entstehen, vermieden werden.

Sustainable Entrepreneurship erfordert, dass die Externalisierung von Kosten in die verbotenen Wettbewerbshandlungen der Gesetze gegen den unlauteren Wettbewerb aufgenommen werden. Diese sollten festlegen, dass auch derjenige unlauter handelt, der durch Abwälzung von Kosten auf Umwelt und Gesellschaft sich Vorteile gegenüber nachhaltiger wirtschaftenden Mitbewerbern verschafft.

Ein durch Schädigung von Gemeingütern vorgespiegelter Preis- oder Qualitätsvorsprung ist in diesem Sinn nicht weniger unlauter als z. B. die Täuschung durch irreführende Werbung oder Ausnutzung von Unerfahrenheit. Wenn Externalisierung als unlauter gilt, können externalisierende Unternehmen verklagt werden, weil sie den Kunden vorspiegeln, dass ihr Wettbewerbsvorsprung (niedrigere Preise, aufwändigere Ausstattung) auf besserer Marktleistung beruht. Raubbau an Gemeingütern darf keinesfalls weiter als Marktleistung gewertet werden.

Flankierend sollten Vereinbarungen zwischen Unternehmen, die einander eine Internalisierung bestimmter von ihnen bisher abgewälzter Kosten zusichern, vom Kartellverbot ausgenommen werden.

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – wer sollte die treibende Kraft im Prozess rund um Sustainable Entrepreneurship sein?

Eine zukunftsgerechte und nachhaltige Welt erfordert vor allem, dass wir uns alle viel stärker politisch und öffentlich engagieren. Wir brauchen nicht noch mehr lebenslange Berufspolitiker, sondern Menschen, die in die Politik gehen und wieder hinaus in andere Lebensbereiche, die lernen wie Politik funktioniert, die Vertrauen besitzen und das Vertrauen in politische Lösungen wieder stärken. Denn es gibt keinen schnelleren und effektiveren Weg, Veränderungen zu erreichen als durch bindende Gesetze und Regelungen.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Welches SE-Projekt ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben – und warum?

In besonderer Erinnerung ist mir das No Problem Orchestra, das NO PROBLEM MUSIKTHERAPIE-Konzept für Schwerstbehinderte, da wir beim World Future Council auch auf diesem Gebiet arbeiten. Dieses Projekt wurde von uns zusammen mit der Essl Foundation auf der internationalen Zero Project Konferenz über gute Politik für Menschen mit Behinderungen im Januar 2012 in Wien ins Leben gerufen. Wir unterstützen die nationale Umsetzung der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen auf der ganzen Welt. Zudem identifizieren und stellen wir mit einem jährlichen thematischen Fokus vorbildliche Gesetze und Good Practice Beispiele vor, die die Rechte von Menschen mit Behinderungen schützen und verwirklichen.