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Dr. Marisa Mühlböck, AT

Geschäftsführerin Julius Raab Stiftung

Mit dem SEA zeichnen wir herausragende Projekte im Bereich SustainableEntrepreneurship aus. Was bedeutet für Sie persönlich SustainableEntrepreneurship?

Ein nachhaltiger unternehmerischer Ansatz drückt sich für mich ganz besonders im Verständnis von Unternehmen als Bürger in der Gesellschaft aus. So ein „Corporate Citizen“ setzt sich in seiner Geschäftstätigkeit aktiv und freiwillig zur Lösung gesellschaftlicher Probleme ein. Er versucht dabei – immer in Verknüpfung mit seinem Kerngeschäft – positive Beiträge für die Gesellschaft im Sinne des Gemeinwohls zu leisten. Die verantwortungsvolle Ausgestaltung betrieblicher Prozesse und Strukturen entlang der Wertschöpfungskette ist dabei Basis und Selbstverständlichkeit.

Warum brauchen wir Sustainable Entrepreneurship?

Weil wir vielen gesellschaftliche Herausforderungen im 21. Jahrhundert nur mehr mit partnerschaftlichen Lösungsmodellen begegnen können. Es gibt nicht nur den Staat als Heilbringer für alle Probleme. Unternehmerische Herangehensweise ist in vielen Bereichen gefragt. Und da sollten die Unternehmen ihr Know-How und ihre Stärken auch einbringen.

Wie verankert ist das Prinzip derSustainableEntrepreneurship heute bereits in den Köpfen der Menschen, aber vor allem im Handeln der Unternehmen bzw. der Politik?

Es gibt einige Umfragen zum ethischen Konsumentenverhalten. Manche davon sind ernüchternd. Dennoch glaube ich, dass die Aufmerksamkeit für dieses Thema steigt. Gerade in diesem Bereich ist jedoch auch die Politik gefordert, viel mehr Aufmerksamkeit auf verantwortungsvolles Unternehmertum und seine positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft zu lenken. Hier liegt noch enorm viel Potenzial. Eine aktuelle Umfrage unserer Stiftung zeigt z.B., dass sich mehr als 70% der Unternehmen in Österreich mehr Anerkennung seitens der Politik wünschen und vom Staat Unterstützung in Form von Bewusstseinsbildung erwarten.

In der Wirtschaft selbst gibt es mittlerweile kaum mehr Unternehmen, die sich der Thematik „Verantwortung für die Gesellschaft tragen“ nicht stellen (müssen). Die Frage, die bleibt, lautet: Wie vielen gelingt eine Umsetzung, die ein „Win-Win“ – für das Unternehmen selbst UND für die Gesellschaft – erzeugt?

Es hat den Anschein, als wäre SustainableEntrepreneurshipim allgemein nach der Krise noch wichtiger geworden. Teilen Sie diese Meinung? Und warum führen oftmals erst Krisen zu Bewusstseinsänderungen, sowohl in der Wirtschaft, wie auch in Politik und Gesellschaft?

Schumpeter hat von der schöpferischen Kraft der Zerstörung gesprochen. Schwere Krisen bergen oftmals das Potenzial, sogar Institutionen ins Wanken zu bringen.  Ob mit positivem oder negativen Ausgang, lässt sich vorab nicht sagen. Das unternehmerische Engagement scheint zumindest in Österreich nicht nachgelassen zu haben. Hier kann ich auch wieder auf unsere Studienergebnisse zurückgreifen, die dies belegen. Die Unternehmen wissen mittlerweile ganz genau, dass sich auch ihre Rolle in der Finanz- und Wirtschaftskrise verändert hat und noch weiter verändern wird. Sie sind es ja unter allen gesellschaftlichen Akteuren am meisten gewöhnt, auf Veränderungen flexibel zu reagieren. Man könnte sagen, sie sind  sogar prädestiniert dafür, Verantwortung zu übernehmen und dies immer noch mit unternehmerischem Erfolg zu verbinden – und damit mit positivem Beispiel voranzugehen. Das muss man ihnen aber auch zutrauen. Und die richtigen Rahmenbedingungen dafür schaffen. 

Welche Branchen sehen Sie als besonders vorbildlich an, wo sehen Sie noch deutlichen Aufholbedarf in bezug auf SustainableEntrepreneurship?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Jede Branche hat sich ihren eigenen Herausforderungen zu stellen. Wenn ich in der produzierenden Industrie tätig bin, gibt es entlang der Wertschöpfungskette andere Themen als z.B. in der Finanzindustrie oder in einem Dienstleistungsbereich.Auch für die gesellschaftliche Unternehmensverantwortung gilt; Ein brancheninterner Wettkampf beschleunigt immer die Entwicklung.

Welche Rolle kann und soll speziell die Politik – sowohl auf österreichischer wie auch EU-Ebene - in diesem Zusammenhang spielen?

Die Politik sollte sich in erster Linie einmal dazu bekennen, dass sie Unternehmen als Partner bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme ansieht.Sie kann Rahmenbedingungen setzen, indem sie vor allem das Bewusstsein bei den Bürgerinnen und Bürgern für vorbildliches gesellschaftliches Unternehmensengagement schärft. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Anreizinstrumenten – von der Auszeichnung des Engagements über steuerliche Vorteile bis hin zum Einbau von entsprechenden Kriterien bei der öffentlichen Auftragsvergabe.Vor allem letztere Möglichkeit birgt natürlich viel Komplexität, aber ich denke, dieser Diskussion sollte man sich aus diesem Grund nicht entziehen. Die Politik muss sie führen, wenn ihr positive unternehmerische Effekte für die Gesellschaft etwas Wert sind.

Inwieweit kann sich die Julius-Raab-Stiftung hier einbringen?

Für uns zählen Freiheit und Verantwortung zu den entscheidenden Grundwerten in einer Sozialen Marktwirtschaft. Auch im 21. Jahrhundert. Freiheit lässt sich aber nur erhalten, wenn entsprechend Verantwortung für das eigene Handeln und seine Folgen übernommen wird. Das gilt für die unternehmerische Freiheit genauso wie für die politische oder die individuelle Freiheit.  Daher versuchen wir auch für die unternehmerische Verantwortung kräftig zu werben und diese Botschaft hinaus zu tragen. Wir haben soeben den ersten Teil eines großen Studienprojekts zu Corporate Citizenship, in welches wir mehr als 400 Unternehmen aus ganz Österreich involviert haben, abgeschlossen. Im nächsten Schritt nehmen wir das unternehmerische Engagement in den einzelnen Bundesländern unter die Lupe.  Über die Entwicklung und das Potenzial von gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung wollen und werden wir mit den unterschiedlichen Zielgruppen diskutieren.