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Antonio Tajani, IT

ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Kommission

Im Oktober 2011 hat die Europäische Kommission eine neue Strategie zur sozasVialen Verantwortung der Unternehmen („corporate social responsibility“, kurz CSR) veröffentlicht. Welche Erwartungen verbinden Sie damit?

Nach der neuen Definition, die wir in der Mitteilung verwenden, ist CSR „die Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“. Ich weiß, dass bereits viele Unternehmen Verantwortung über ihr eigentliches Geschäft hinaus übernehmen. Ich wünsche mir aber, dass eine noch höhere Zahl von Unternehmen in der EU gesellschaftliche und ökologische Belange in die Betriebsführung und ihre Kernstrategie aufnimmt. Dies sollte in einem transparenten Prozess und in Zusammenarbeit mit den internen und externen Stakeholdern der Unternehmen erfolgen.

Dadurch sollen idealerweise die Eigentümer der Unternehmen sowie Gläubiger, Arbeitnehmer und die gesamte Gesellschaft an einem Strang ziehen. Die Schaffung gemeinsamer Werte, also der sogenannte „Shared Value“-Ansatz, soll nicht zuletzt den Betrieben zugutekommen. Denn etwaige negative Auswirkungen auf das Unternehmen und seine Stakeholder sollen aufgezeigt, verhindert und abgefedert werden.
Dieser – lassen Sie es mich nennen – „erweiterte Horizont“ soll es Unternehmen und Unternehmern ermöglichen, ihre Geschäftsmodelle wo nötig zu verbessern und fit für die Zukunft zu machen. Kurz: Es geht, wie es die Mitteilung der Kommission erwähnt, um Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit.

Wie weit ist Europa aus Ihrer Sicht auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft?

Wie gesagt, sind CSR und Nachhaltigkeit eng miteinander verknüpft. Seit der letzten Mitteilung der Kommission zu CSR 2006 sind beachtliche Fortschritte erzielt worden: Die Zahl der EU-Unternehmen, die sich zur Einhaltung der zehn CSR-Grundsätze des „Global Compact“ der Vereinten Nationen verpflichtet haben, ist von 600 im Jahr 2006 auf über 1900 im Jahr 2011 angewachsen. Die Menge der Organisationen, die sich im Gemeinschaftssystem für das Umweltmanagement und die Umweltbetriebsprüfung (EMAS) registrieren ließen, ist von 3300 im Jahr 2006 auf 4600 im Jahr 2011 gestiegen. Die Summe der Mitglieder der Business Social Compliance Initiative, eine von Europa ausgehende Initiative der Wirtschaft zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Lieferketten der Unternehmen, hat sich verzehnfacht. Und die Anzahl der europäischen Unternehmen, die Nachhaltigkeitsberichte nach den Leitlinien der „Global Reporting Initiative“ veröffentlichen, hat sich verdreifacht. All das stimmt mich zuversichtlich. Diese Bilanz zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und von den Unternehmen unterstützt werden.

Welche Rolle kann und soll Europa in einer globalen Weiterentwicklung der nachhaltigen Wirtschaft übernehmen?

Trotz der genannten Fortschritte bleibt noch viel zu tun, weil CSR ein andauernder Prozess ist. Die EU kann hier auch in Zukunft eine federführende Rolle spielen. Dies gilt zum Beispiel im Hinblick auf das Thema der Transparenz von Unternehmen in gesellschaftlichen und ökologischen Fragen sowie in der Betriebsführung. Die Kommission wird dazu noch in diesem Jahr einen Legislativvorschlag vorlegen. Darüber hinaus besteht die Notwendigkeit, den Menschenrechten, die sich zu einem immer bedeutenderen CSR-Aspekt entwickelt haben, größere Beachtung zu schenken. Ferner sind wir bemüht, unsere Zusammenarbeit mit Partnerländern außerhalb der EU und maßgeblichen internationalen Foren auszubauen. Ich denke da beispielsweise an die OECD und die Vereinten Nationen.

Wie beurteilen Sie die Initiative des Sustainable Entrepreneurship Awards (SEA)?

Der Sustainable Entrepreneurship Award bietet meines Erachtens eine gute Möglichkeit, das Thema der nachhaltigen Unternehmensführung stärker ins Bewusstsein zu rücken. Dies steht im Einklang mit einer Initiative der Generaldirektion Unternehmen und Industrie, die gerade lanciert wurde. Diese zielt darauf ab, einen europäischen CSR-Preis zu entwickeln, der herausragenden Beispielen für CSR auf der nationalen Ebene eine europaweite Aufmerksamkeit verschafft und zur Nachahmung anregt. Es ist beabsichtigt, diesen Preis erstmals 2013 zu vergeben.