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Dr. Alexandra Hildebrandt, DE

Mitinitiatorin „Gesichter der Nachhaltigkeit“, Hochschule für angewandtes Management in Erding Wirtschaftspsychologie und Sportmanagement, Expertin für Nachhaltigkeit und Fußball am dortigen Institut für Fußballmanagement

Was bedeutet für Sie persönlich Sustainable Entrepreneurship?

Es ist für mich eine Form nachhaltigen Unternehmertums, das seine finanziellen und materiellen Ressourcen zur Realisierung von Zielen einsetzt, die dem Wesen des Menschen, seiner Umwelt und der Gesellschaft dient. Sustainable Entrepreneurship ist die Eingangstür zu einer erstrebenswerten Zukunft, die gestaltet wird von leidenschaftlichen, kreativen und aufgeschlossenen Pragmatikern, die oberflächlichen Antworten für komplexe Probleme misstrauen. Was sie ausmacht, ist aber auch planerische Phantasie und Augenmaß für das, was ein Einzelner bewirken kann.

Wie tief verankert ist diese Denkweise aus Ihrer Sicht schon in den Gesellschaft, vor allem aber in den Köpfen der Unternehmer?

Eine solche Denkweise ist überall dort verankert, wo eine innere Motivation vorhanden ist und kooperative Systeme entwickelt werden, die neben Kreativität, Flexibilität und Diversität auch soziales Gewissen und echte Menschlichkeit berücksichtigt. Allerdings können Handlungsanweisungen und Bücher über Sustainable Entrepreneurship niemandem die Verantwortung für sein konkretes Handeln abnehmen. Man lernt sie auch nicht auf Business Schools oder von Beratern, die standardisierte Konzepte vermitteln. Das Thema spielt sich nicht zwischen zwei Buchdeckeln ab, sondern zwischen zwei Ohren - nämlich in den Köpfen leidenschaftlicher Macher, für die Nachhaltigkeit kein Projekt ist, sondern ein lebendiger Prozess und ein Lebensprozess.

Welche Branchen sind Ihrer Meinung nach weit vorne, wenn es darum geht, Sustainable Entrepreneurship zu leben, und welche haben noch Aufholbedarf?

Es ist keine Frage der Branchen, sondern des Menschen und des konsequenten verantwortungsvollen Individualismus. Vorreiter ist immer, wer sich zum Unternehmertum berufen fühlt und sein Handeln, das im Einklang mit dem eigenen Gewissen steht, nachhaltig ausrichtet. Dazu gehören Augenmaß, Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Verlässlichkeit – Werte, die schon seit dem 14. Jahrhundert das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns markieren.

Sie sind Herausgeberin des Buches „Gesichter der Nachhaltigkeit“ (mit Hauke Schwiezer) und Mit-Initiatorin der gleichnamigen Initiative. Welche Rolle spielt „Gesichter der Nachhaltigkeit“ beim Voranbringen nachhaltigen Wirtschaftens?

Es geht vor allem um die Erkenntnis, dass Zahlen zwar beeindruckt zur Kenntnis genommen werden, dass aber eine Einzelgeschichte immer mehr beeindruckt. Die Wirkung von Nachhaltigkeit liegt in der Kraft von Persönlichkeiten mit einem eigenen und unverwechselbaren Gesicht. Nur dann kann die Komplexität eines solchen Themas fassbar werden, das keine alternative Lebensweise mehr ist, sondern die einzig mögliche. Nachhaltigkeit ist vor allem eine Lebenseinstellung und Haltung, die die Leidenschaft zum Konkreten braucht. Die Gesichter der Nachhaltigkeit stehen zugleich für Hintergründigkeit und Inhalt, die den Vordergründigen fast immer fehlt.

Wie wichtig ist es Ihnen, nachhaltiges Denken vorzuleben, und inwiefern tun Sie das?

Wenn ich heute oft davon spreche, dass ich die Dinge gern vom Ende betrachte, so meine ich dies nicht ergebnisbezogen oder bewertend, sondern in Bezug auf Sinn und Lebensqualität. Der Fokus ist dabei auf das gerichtet, was persönlich Relevanz hat und mit Sinngebung verbunden ist. Alles, was mich beschäftigt, mache ich immer auch zu meiner persönlichen Sache. Dabei hängen Hoffnung und Zuversicht niemals an einer Position oder an Strukturen, die sich von heute auf morgen ändern können. Es gibt immer einen unberührbaren Kern außerhalb davon, der dem eigenen Leben „Nachhalt“ gibt. Es geht also um das, was standhält und tragfähig ist.

Wie schätzen Sie die Rolle und Position von Deutschland bei der Weiterentwicklung von Sustainable Entrepreneurship ein?

Es gibt viele gute Ansätze, aber es braucht vor allem die großen gesellschaftlichen Hebel, die noch nicht genügend bedient werden. Hier ist vor allem auch die Politik gefordert, die wieder in größere Zusammenhänge gestellt werden muss: Es genügt nicht, sich auf die Lösung aktueller Probleme zu beschränken. Gute Politik braucht Vorreiter, die fähig sind, Visionen zu entwickeln und die Zukunft mitzudenken. Die intensive und ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema ist noch nicht befriedigend. Es braucht Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass die richtigen Personen das Richtige tun, um damit die richtigen Ergebnisse zu erzielen.

Der SEA zeichnet jedes Jahr Unternehmer für außergewöhnliche Projekte aus, mit denen Sustainable Entrepreneurship in der Praxis umgesetzt wird. Was hat Sie überzeugt, diese Idee zu unterstützen?

Weil es mehr als eine Idee ist. SEA steht für einen nachhaltigen gesellschaftlichen großen Ansatz, den es neben den vielen kleinen auch braucht, um auf gesellschaftspolitischer Ebene durch starke Hebelwirkung etwas zu bewegen und zu bewirken.

In welcher Weise kann jeder einzelne von uns dazu beitragen, die Wichtigkeit und Wertigkeit von Sustainable Entrepreneurship zu steigern?

Durch eigenes Tun und Vorleben und durch Kritik am instrumentellen und oberflächlichen Umgang mit Begriffen wie Nachhaltigkeit. Die Frage jedes Einzelnen sollte sein: Was macht das eigene Tun wertvoll? Was davon ist für die Menschheit insgesamt wichtig? Jeder ist in der Lage, große gesellschaftspolitische Themen ins Lokale herunter zu brechen und sich vor der eigenen Haustür zu engagieren und Gesicht zu zeigen. Das meint auch, sich zu erkennen geben, seine Wertvorstellungen zu kommunizieren, die dann mit anderen für eine gemeinsame Sache geteilt werden können.

Und letzte Frage: Was ist das beeindruckendste Beispiel für Sustainable Entrepreneurship, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Beispiele herauszuheben wäre nicht fair gegenüber allen Engagierten. In Erinnerung bleibt mir allerdings das Wesen, das alle Sustainable Entrepreneurs miteinander verbindet: selbstbestimmte Tätigkeit und gesellschaftliches Engagement. Der Sinn gibt ihnen die Richtung vor und die Erkenntnis, dass sich der Wert des Lebens auf der Strecke bemisst und nicht erst bei der Ankunft am Ziel.