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Jessica Scholl, MSc, US

The Partnering Initiative Mitglied

Was verstehen Sie persönlich unter Sustainable Entrepreneurship?

Ich verstehe unter Sustainable Entrepreneurship jede profitable Geschäftstätigkeit, die auf einen Bedarf oder eine Nachfrage innerhalb der Gesellschaft reagiert. Eine auf der Nachfrage basierende SE erkennt und reagiert auf Marktchancen, welche durch die Änderung sozial-ökologischer Bedingungen entstehen, nämlich eine größer werdende Mittelschicht, zu groß gewordene Energieversorgungsnetze, der Rückgang verfügbarer natürlicher Ressourcen, ein verstärkter Zugang zu Technologie etc. Aufgrund dieser Voraussetzungen sind SE-Lösungen ganz selbstverständlich dazu geeignet, sich positiv auf die Gesellschaft und/oder auf die Umwelt auszuwirken. Auf den Bedarf ausgerichtete SE schafft Lösungen, um gesellschaftliche und/oder Umweltprobleme zu lösen. Wenn dieser “Bedarf“ von den Konsumenten nicht richtig erkannt wird, ist vielleicht noch keine starke Nachfrage am Markt vorhanden, so dass Anstrengungen erforderlich sind, um die Wahrnehmung der Konsumenten und die Nachfrage am Markt zu fördern. Sustainable Entrepreneurs können Menschen oder Gruppen sein, die neue Geschäftsideen verfolgen oder auch Mitarbeiter innerhalb eines Unternehmens – die man auch mit „intrapreneurs“ bezeichnet – so dass aktuelle Geschäftstätigkeiten neu konzipiert werden. Gleichgültig in welcher Form, Sustainable Entrepreneurship hat das Potential, gleichzeitig der Katalysator für die Entwicklung gesunder Wirtschaftssysteme, Gesellschaften und einer gesunden Umwelt zu sein: ein Wandel, der für die Zukunft unserer globalen Community und unseres Planeten entscheidend ist.

Wie fest verankert ist Ihrer Ansicht nach Sustainable Entrepreneurship bereits in den Köpfen der Menschen und vor allem in der Handlungsweise der Unternehmer?

Wie stark Sustainable Entrepreneurship bereits in den Mainstream integriert ist, variiert je nach Markt. In einigen Regionen wie z.B. in Nordeuropa führt eine Kombination aus kulturellen Gegebenheiten, Konsumenten-Nachfrage und Staatspolitik zur Entstehung einer Kultur, die zu SE führt. In vielen weniger hoch entwickelten Regionen können Marktbedingungen, die für die traditionelle oder westlich geprägte Wirtschaft ungünstig sind – das Fehlen einer breiten Konsumenten-Mittelschicht, eingeschränkter Zugang zu Ressourcen, mangelhafte Infrastruktur, schwaches staatliches Management etc. den Anreiz zu innovativen Geschäftstätigkeiten bilden, die in positiver Weise auf diesen Bedarf reagieren. Es muss jedoch in vielen Märkten noch wesentlich mehr getan werden, um Sustainable Entrepreneurship zu fördern. Unternehmen, Regierungen, NGOs und sonstige Gruppen der Gesellschaft müssen zusammenarbeiten, um das nötige strategische Umfeld, die erforderlichen Anreize und Vorteile zu bieten, damit Sustainable Entrepreneurship für jedes Unternehmen oder jeden einzelnen Menschen einen attraktiven Weg darstellt.

In welchem Ausmaß ist es Ihrer Ansicht nach möglich, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und gleichzeitig Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen?

Wenn Betriebe, Investoren und Unternehmer ihren Zeitplan für ROI erweitern, können wirtschaftlicher Erfolg und Mehrwert für die Gesellschaft besser in Einklang gebracht werden. Leider hat sich im Wirtschaftsleben eine Kultur der kurzfristigen Ergebnisse durchgesetzt, die für Investment-Entscheidungen ausschlaggebend ist. Zum Glück erkennen jedoch Regierungen, Konsumenten und Unternehmen, dass sie Bedingungen – oder Ökosysteme – schaffen müssen, die zu Nachhaltigkeit führen, wenn die Wirtschaft mit stärkeren sozialen und ökologischen Herausforderungen konfrontiert ist. Es geht um ein wirtschaftliche Umfeld, in welchem der wirtschaftliche Erfolg und der Wert für die Gesellschaft untrennbar miteinander verbunden sind.

Welche Wirtschaftszweige tun Ihrer Meinung nach das Meiste im Sinne von Sustainable Entrepreneurship und welche Branchen müssen in dieser Richtung noch viel tun?

Eine Kombination mehrerer Faktoren – Ressourcen-Knappheit, zu groß gewordene Energieversorgungsnetze, die globale Erwärmung, steigende Energiepreise für den Konsumenten etc. – haben kompatible Anreize für Sustainable Entrepreneurship innerhalb des Energiesektors hervorgerufen. In vielen Märkten gibt es sowohl verfügbare Finanzierungen als auch genügend Konsumenten-Nachfrage (oder zumindest Konsumenten-Interesse), damit sich Sustainable Entrepreneurship durchsetzen kann. Jeder Wirtschaftszweig hat jedoch seine führenden Kräfte und seine „Nachzügler“ und der von den führenden Kräften in einem Bereich erreichte Nachhaltigkeitsfortschritt kann häufig von den „Nachzüglern“ im gleichen oder in einem anderen Bereich der Nachhaltigkeit zunichte gemacht werden (sogar, wenn sich die beiden in verschiedenen Abteilungen des gleichen Unternehmens befinden!).

Was muss getan werden, um die Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft und in der Wirtschaft diesbezüglich zu erhöhen? Politik, Industrie oder Gesellschaft – wer sollte die treibende Kraft für die Weiterentwicklung von Sustainable Entrepreneurship sein?

Um die Bewusstseinbildung zu verbessern, müssen Regierungen, Industrie und Zivilgesellschaft kooperieren, um ein Ökosystem zu schaffen, mit dem Sustainable Entrepreneuership besser in Einklang zu bringen ist. Das bedeutet, dass man entsprechende Strukturen schafft, um Entscheidungen zur Förderung der Nachhaltigkeit zu unterstützen, dass Kapazitäten zur Verfügung gestellt werden und auch ein gesetzliches Umfeld geschaffen wird, mit welchem die Entwicklung von nachhaltigen Unternehmen ermöglicht und gefördert wir; für NGOs, Politiker und Unternehmen müssen Möglichkeiten geschaffen werden, kompatible Ziele zu verfolgen und mit Ressourcen zu kombinieren. Der erste Schritt in diesem Prozess besteht darin, führende Kräfte in jedem Wirtschaftszweig zur Verfolgung gemeinsamer Interessen zusammenzubringen. Der SE-Preis ist ein Vorzeige-Beispiel dafür, wie man hier vorgehen kann.

Wie würden Sie die Situation in Deutschland in Bezug auf die Entwicklung des Sustainable Entrepreneurship beurteilen?

Insgesamt macht Deutschland ziemlich gute Fortschritte in Bezug auf nachhaltiges Wirtschaften. Nachhaltigkeitskonzepte – Umweltschutz, Work-Life-Balance, effiziente Nutzung von Energie etc. – wurden maßgeblich in der Infrastruktur, in politischen Entscheidungen, im Unternehmens-Management und im kulturellen Bereich berücksichtigt. Obwohl Deutschland im Sinne der Nachhaltigkeit weit vorangekommen ist, hemmt das Sicherheitsdenken der deutschen Gesellschaft unternehmerische Initiativen. Radikale Innovationen und Aktionen, die wir brauchen, um die destruktiven Elemente unserer Systeme und der Wirtschaft zu verändern, sind von Unsicherheit geprägt. Wir wissen nicht immer, was wir brauchen oder wie wir Änderungen am besten implementieren sollen. Diese Unsicherheit sollte die Menschen jedoch nicht davon abhalten, zu handeln. Deutschland muss lernen, unternehmerisches Denken zu übernehmen und zu fördern - und auch unvermeidliche Fehler zu riskieren – wenn es ein führendes Land in Bezug auf Sustainable Entrepreneurship werden soll.

SEA vergibt Preise für Projekte, die außergewöhnlich gute Beispiele für Sustainable Entrepreneurship darstellen. Was hat Sie persönlich veranlasst, diese Idee zu unterstützen?

SEA stellt die sehr notwendige Verbindung zwischen Mainstream, Populärkultur und einer noch kleinen Community für Nachhaltigkeit her. Da der Dialog über Nachhaltigkeit manchen Menschen schon sehr geläufig ist, vergessen viele häufig, dass diese Fragen global gesehen der Mehrheit der Menschen noch völlig fremd sind. SEA verurteilt die Populärkultur nicht, sondern nützt ihre Attraktivität, um einzelne Menschen und Initiativen zu fördern, die dies auch wirklich verdienen.

Inwieweit kann jeder von uns dazu beitragen, den Einfluss von Sustainable Entrepreneurship zu unterstützen?

Wenn wir eine Wirtschaft schaffen wollen, in der finanzieller Profit stärker mit sozial-ökologischem Gewinn gekoppelt ist, müssen Akteure in allen Wirtschaftszweigen und Bereichen darüber nachdenken, wie nachhaltig wirtschaftende Unternehmen ermöglicht, gefördert oder noch vergrößert werden können. Während manche vielleicht über Ressourcen verfügen, um sich an Initiativen zu beteiligen, könnten andere die gesellschaftliche Verankerung und die Unterstützung liefern, die Unternehmer brauchen. Jeder muss eine kleine Rolle übernehmen und durch die Kombination aller dieser Rollen – besser als durch Aktionen jedes Einzelnen oder jedes einzelnen Bereichs – kann ein langfristiger Wandel initiiert werden.